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Briefe an Marie

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01.03. 2010

Liebe Marie,

lange habe ich nichts mehr von dir gehört. Dein Päckchen mit dem Schuh, das mich vor drei Monaten erreichte, lässt mich einigermaßen ratlos zurück. Was hab ich mir nicht schon alles schicken lassen: frischen Fisch aus Sylt, eine Palette Bio-Kaffee aus Ecuador, einen neuartigen (und wie sich später herausstellte völlig unbrauchbaren) Lötkolben aus Manchester – aber einen Damenschuh habe ich niemals bekommen. Noch dazu ohne jede weitere Erklärung, Auflösung oder Handreichung. Das Versenden eines einzelnen, gebrauchten Schuhs hat was von einem Kriminalfall, das musst du zugeben. Die tief im Süden weilende Täterin beseitigt Beweismittel, indem sie sie per Päckchen quer durch Europa schickt. Ich sehe schon Schwardtmanns Schlagzeile: „Internationale Damenschuh-Bande wieder aktiv – Komplizen in der Region?“

Liebe Marie, der Empfänger einer solch bizarren Sendung braucht doch eine irgendwie geartete Form der begleitenden Ansprache! Ein „Bitte neu besohlen lassen“ oder ein „Verwahrst du den für mich?“ oder auch ein „Kann weg“ hätte gereicht. So bleiben mir nur Mutmaßungen über deine Motive – und du weißt, ich hasse Mutmaßungen, die sich aus Ratlosigkeit speisen.
Okay, deine Poesie war schon immer etwas handfesterer Natur, vielleicht willst du mir im besten Fall sagen, dass du viel unterwegs warst und immer noch bist? Der miserable Zustand des Schuhs könnte diese Aussage bestätigen. Oder diese Variante: Du bist es leid, weiter zu reisen und hast nun endlich beschlossen, sesshaft zu werden? Obwohl der Absendeort Faro dafür spricht, kann ich mir diesen Entschluss nicht so recht vorstellen. Möglicherweise willst du mir aber auch ein Objekt schenken, das dich, wo immer du umhergeschweift bist, sehr eng begleitet hat? Ich gestehe, dieses poetische Szenario wäre mir bei weitem das liebste.

Wo immer auch der tiefere Grund für dein Päckchen liegen mag, jetzt steht dieser Schuh auf meinem Schreibtisch. Ich sehe, es ist ein spanisches Fabrikat, womit du wie immer Ge-schmack beweist. Die leichte flache Sommerform entspricht deiner Philosophie von Einfachheit und Pragmatismus, der helle Braunton des Leders bildet den perfekten Untergrund für die aufgesetzte türkisfarbene Schnalle. Wie riesig diese Schnalle ist! Auch die schrille Farbkom-bination bist ganz du. Wäre die Schnalle dunkelbraun, hätte dich der Schuh nicht interessiert, dessen bin ich mir sicher. Es ist diese spezielle Art von Kontrast, den du liebst und ohne den du vermutlich nicht leben könntest. Schon damals, in den Zeiten unserer gemeinsamen Streifzüge durch die Provinz, schocktest du Freund und Feind gleichermaßen mit deinen Farbattacken, was mich als Träger szenetypischer Farben (grauer  Rollkragenpullover, grüner Parka, braune Boots) zuweilen in mittelschwere Sinnkrisen stürzte.

Erinnerst du dich an dieses knielange Kleid aus weißem, grob gewebten Leinen? Weder deinen besten Freundinnen noch mir wolltest du verraten, woher es stammte. Alle dachten, es sei die Angst davor, man könne deinen Stil kopieren, aber das war nicht der wahre Grund, wie sich herausstellen sollte. Ich habe dir nie erzählt, dass ich dieses Kleid einige Zeit später zufällig im Schaufenster einer Berliner Nobelmanufaktur sah. Beim Blick auf das Preisschild wurde mir klar, dass du die Ersparnisse eines ganzen Jahres dafür hergegeben haben musstest.

Keine Ahnung, welchem Romantik-Ideal ich damals anhing, ich weiß nur noch, dass ich dich in diesem Kleid liebte, weil du darin meinem Bild eines Engels perfekt entsprachst. Du spürtest das intuitiv und bewegtest dich, sobald du das Kleid trugst, noch ein bisschen langsamer und schwebender durch den Raum. Diese spezifische physische Langsamkeit, die diener angeborenen Gelassenheit entsprach, faszinierte mich so stark, dass ich dich zuhause vorm Spiegel kopierte und in deine Bewegungen schlüpfte. Ich drehte meinen Kopf wie du, wenn man dich unvermittelt ansprach, führte ein Glas mit der dir eigenen Zeitverzögerung zum Mund und ließ dich schließlich meine Augen steuern, die unendlich bedächtig auf den Alltagsobjekten zur Ruhe kamen.

Dieses Nachahmungsritual praktizierte ich eine ganze Weile lang, bis ich eines Tages mitten in einer „deiner“ Gesten innehielt und in lautes Lachen ausbrach. Mit einem Mal wurde mir klar, dass es mir nicht um deine Position im Raum, sondern um viel Grundlegenderes, nämlich um deine einzigartige mentale Haltung zur Welt ging, der all dein körperliches Agieren entsprang.

Was uns einte, war grenzenloser Nonkonformismus, die Abneigung gegen jede Form von Autorität, Gängelung und Richtungsweisung. Aus heutiger Sicht betrachtet, kann ich uns beiden zudem ein gewisses Sendungsbewusstsein nicht absprechen. Aber während ich heißspornig, wie ich nun mal war, gegen jede Wand rannte, die sich mir von Ferne bot, agiertest du klug und listig. Als Meisterin von Strategie und Taktik hattest du aus meiner Sicht immer alles unter Kontrolle.

Ganz gleich, ob es um Mode, Politik oder Religion ging - du gabst in den hitzigsten Diskus-sionen immer zunächst deinen Kontrahenten Recht, schmiertest ihnen ordentliche Portionen Honig ums Maul, während du heimlich bereits den Todesstoß plantest. Wer sich mit dir streiten wollte, musste Zeit mitbringen, weil dein ausladender, diskursiver Stil stets auch die Grenzbereiche eines Themas einbezog. Dein Trick war es, die Argumente auf einem hohen erzähltechnischen Niveau zu transportieren. Sobald du aber bei deinem Gegenüber die erste kleine Ermüdungserscheinung bemerktest, schlugst du gnadenlos zu. Mit einem Wort: Du warst die Subversion in Person. Du infiltriertest eine Party, indem du in der Pelzmütze deiner Großmutter kurz auftauchtest, einen Likör kipptest und gleich darauf wieder verschwunden warst. Man konnte Wetten darauf abschließen, dass es am nächsten Tag im Städtchen vor halbwüchsigen Mädchen in Pelzmützen nur so wimmeln würde.

Leider währte die Zeit des weißen Kleides nicht lange, denn quasi über Nacht tauchtest du es  ins Färbebad. Weißt du noch? Heraus kam ein Orange, das die Welt, zumindest unsere kleine, bis dahin nicht gesehen hatte. Deine Entscheidung, dir dazu ein tiefblaues Seidentuch breit um die Taille zu binden, machte die Verwirrung nicht nur in deinen mode-affinen Mädchenkreisen, sondern auch in meiner eher trendfernen Szene komplett. Im Café Bitter am Markt wurde ich einmal Zeuge deines Argumentationstalents, als Gitti Böttcher, die Speerspitze der gemäßigten femininen Hippiefraktion, dir riet, bezüglich der Farbwahl deines Outfits doch besser einen Facharzt für Augenheilkunde aufzusuchen. Du bliebst ganz ruhig, nipptest kurz an deinem Kakao und setztest zu Gittis Erstaunen zu einem längeren Referat über den deutschen Expressionismus und dessen komplexem Farbverständnis an. Gitti hörte dir mit offenem Mund zu, und ich ahnte bereits, dass du über Nolde, Macke und Kandinsky die Brücke zum Blauen Reiter schlagen würdest. Und so kam es dann auch: Während ich über dein profundes Wissen staunte, machte sich in Gittis Gesicht blankes Entsetzen breit, als du den Namen Fanz Marc erwähntest. Im Gegensatz zu mir war dir bekannt, dass Gitti gerade eine Facharbeit über Marcs berühmtes erstes blaues Pferd geschrieben hatte - und ich glaube, ihr schwante nun, dass du ihren Aufsatz zu einer schnöden Bildbeschreibung degradieren würdest.

Ich sehe dich vor mir, wie du unter dem Einsatz deines ganzen Körpers Marcs psychologische Sicht auf die Farben referierst. Beim Rot, nach Marc die schwere Materie, ziehst du mit deinen Händen einen imaginären Gesteinsbrocken in die Tiefe, beim weiblich-sanften Gelb umspielt ein kurzes Lächeln dein Gesicht, bevor du das traurige Violett mit einem furchterregend gebeugten Oberkörper illustrierst. Blitzschnell bist du wieder auf dem Posten, um Gitti, die diese winzige Sprechpause während deiner Körperaktion zu einem Gegenangriff nutzen will, zuvorzukommen. Franz Marc habe nicht nur gesagt, dass sich das Blau quasi wie selbstverständlich neben das Orange stelle, er habe sogar, und zwar sei das in einem Brief an August Macke im Jahre 1910 geschehen, diesen beiden Farben eine tiefe Liebesbeziehung zugesprochen. Das saß. Gitti wusste es, ich wusste es und dir war es von vornherein klar gewesen: Das orangene Kleid und das blaue Tuch würden fortan kein Thema mehr sein.

Ich denke, heute kann ich es dir sagen, dass ich deinen damaligen Vortrag trotz seiner bestechenden Rhetorik mehr für eine Demonstration deiner spontan entwickelten Dichtkunst denn für historisch gesichtertes Faktenwissen hielt. Umso erstaunter war ich, als ich viele Jahre später in einem Buch über Farbpsychologie deine Aussagen Wort für Wort bestätigt fand.

Obwohl mit dem Gespräch im Café Bitter das Thema eigentlich durch war, sah ich dich in der Folge nur noch selten in diesem Kleid. Es schien fast so, als hättest du nach dem Durchsetzen des Rechts, es zu tragen, jegliches Interesse daran verloren.

Es ist mir nie gelungen (und du hast nicht einen Satz zu mir darüber gesprochen), heraus-zufinden, was genau dich an diesem Kleid faszinierte. War es das Gewebe, die schreiende Farbe, die geschickte Taillierung? Oder war es mehr der Selbstausdruck, das Setzen eines Zeichens sowohl für dich als auch der Welt gegenüber, gepaart mit einem, wie ich heute weiß, tiefen Wissen um die Sprache der Farben? Wie auch immer, du trugst dieses Kleid bei unserer letzten Begegnung in der Eisdiele Venezia. Allerdings hattest du das blaue Tuch nun nicht um deine Hüften gebunden, sondern es dir nach Art der südländischen Frauen breit um die Schul-tern gelegt, was seine Dominanz noch steigerte. Sobald ich mir dieses Bild in Erinnerung rufe, gesellt sich wie von selbst ein anderes Zitat des Blauen Reiters hinzu: „Blau ist konzentrierte Bewegung“. Kaum ein anderes Bild beschreibt dein Wesen so treffend und prägnant: Ganz bei dir, zogst du wie ein rätselhafter Himmelskörper deine Bahnen, blitztest hin und wieder auf, legtest Spuren und kultiviertest ansonsten das Phänomen des konstruktiven Schweigens. Jenseits von Extravaganz und Extrovertiertheit hast du deine ganz eigene Dynamik gelebt und dabei niemandem (mich eingeschlossen) verraten, wo genau du deine Bezugs- und Orientie-rungspunkte verortest.

Und wenn ich jetzt beim Schreiben deinen Schuh betrachte, ist es dasselbe Rätsel wie damals,  das dich umgibt, sind es dieselben Fragen und Gedanken, die mich in dieser für uns so typischen Mischung aus Nähe und Geheimnis innehalten lassen.

Was mache ich nun mit deinem Schuh? Völlig ausgeschlossen, ihn im Schuhschrank zu depo-nieren. Schwardtmann würde über kurz oder lang vollständig verrückt werden, wenn ich seine sensiblen Augen, die ihn (und in der Folge mich) gerade morgens beim kleinsten visuellen Hindernis leicht zur Agression treiben, tagtäglich mit deinem Schuh konfrontierte. Also wird er als Briefbeschwerer wohl erstmal auf meinem Schreibtisch stehen bleiben – ich werde dir berichten, was das auf die Dauer mit mir macht.

Das Leben hier verläuft auf eine angenehme Weise gleichförmig. Obwohl ich Schwardtmann, der sich übrigens seit seinem Lottogewinn mir, der Welt und sogar sich selbst gegenüber immer weiter öffnet, nicht missen möchte, bin ich doch froh, wochentags das Haus für mich allein zu haben, um in Ruhe schreiben zu können. Je nach Stimmung flüchte ich dann mit den Manuskripten aus meinem Arbeitszimmer im ersten Stock runter in den geräumigen Wohnraum, wo der Weg zu Kaffeemaschine und Kühlschrank kurz ist und die Verandatür den Blick auf den Garten freigibt. Mir kommt es inzwischen fast wie ein klösterliches Ritual vor, eine Kerze anzuzünden und bei dampfendem Kaffee über einen Text zu kontemplieren. Dabei ist im Laufe der Jahre Liebknechts zufriedenes Schnurren zu einem festen Bestandteil dieser Stille geworden, die ich so sehr liebe.

Ein Vorteil dieses statischen Alltags besteht ohne Zweifel darin, dass ich die Fluchten, vor allem die an den Wochenenden, viel intensiver erlebe. Wie diesen denkwürdigen Freitagabend Anfang Februar, da ich mit Leni im „Chez Lisette“ saß, nachdem wir den Van-Gogh-Film mit Kirk Douglas und Anthony Quinn gesehen hatten. Rick, der das „Eden“ nach der Insolvenz übernommen und lediglich den Schriftzug durch „Casablanca“ ersetzt hatte, war auf die Idee einer Retro-Reihe gekommen und zeigt neuerdings einmal pro Woche alte US-Schinken zum Sonderpreis. Die Tickets sind im Zehnerpack noch einmal verbilligt (O-Ton Leni: „Macht unterm Strich zwei Cognacs“), und so gingen mir die Argumente aus, als Leni mich fragte, ob ich sie künftig Donnerstags nicht begleiten wolle. Kannst du dich an Rick erinnern, Marie? Eigentlich heißt er Klaus-Bernd und war lange als Schausteller über Land gezogen, bis er eines nachts betrunken eins der Karussels startete und prompt aus einer Gondel stürzte. Ohne Job und mit einem steifen Bein ausgestattet, besann er sich, als das „Eden“ zum Verkauf stand, seiner Humphrey-Bogart-Leidenschaft und feilschte so lange, bis er den Laden schließlich zu einem Spottpreis bekam.

Niemand von uns hätte ihm länger als ein halbes Jahr bis zur Insolvenz gegeben, aber Rick, der über eine nicht zu unterschätzende Bauernschläue verfügt, brachte das Kino tatsächlich wieder hoch. Seine Strategie hatte er sich bei den Bäckern abgeschaut, die mit dem Slogan „Das Beste von gestern“ ihre Altware erfolgreich absetzen. So lässt er die halbe Stadt in die großen Kino-Paläste der Nachbarorte ziehen, um die neuesten Blockbuster zu sehen – wohl wissend, dass sie sich alle in seinen leicht angegammelten 60er-Jahre-Polster wiederfinden werden, wenn er die Streifen drei Monate später zum Schnäppchenpreis zeigt. Ich habe keine Ahnung, welche Marketing-Theorie er damit aushebelt, ich weiß nur, dass sein Kalkül nun schon seit Jahren aufgeht. Spaßeshalber habe ich mir den letzten „Harry Potter“ angesehn, den Rick fünf Monate nach Erscheinen mit dem ebenso simplen wie wahren Slogan „Neu bei uns“ promotete. Was soll ich sagen? Das Kino platzte aus allen Nähten, so als fände hier gerade die exklusive Europapremiere im Beisein der Autorin statt.

Rick hat sich allmählich vom Faktotum zur Kultfigur entwickelt - ein Prozess, den er nach Kräften selbst voranbringt. Ganz seinem großen Idol Bogart verpflichtet, tritt er nur in erlesener Garderobe auf die Straße: Lackschuhe, Nadelstreifenanzug, tadellose Krawatte und edler, ins Gesicht gezogener Hut. Lediglich die obligatorische Zigarette fehlt im Mundwinkel, seit er sich das Rauchen abgewöhnte. Diesen Makel macht er mit einem stets griffbereiten, gefalteten Exemplar der „New York Times“ wett, das, wenn er es gerade nicht in Händen halten kann, für jedermann sichtbar aus der Seitentasche seines Anzugs lugt. Im Internet hat er eine Quelle gefunden, die ihn alle zwei Wochen mit einer frischen Ausgabe versorgt, so ist er auch in dieser Angelegenheit, wie bei den Blockbustern, annähernd up to date.

Zu Ricks besonderem Stil gehört es, die Kinogäste, sobald sie aus dem Bauchladen mit Eis-konfekt und Popcorn eingedeckt wurden, persönlich zu begrüßen. Das Licht geht aus, der Vorhang schließt sich dramatisch, bevor er plötzlich im Licht eines vom Filmvorführer bedienten Spots auf der Bühne sichtbar wird. Da steht er nun und wedelt mit der New York Times, die andere Hand lässig in der Hosentasche und den Hut extra tief im Gesicht. Eine typische Rick-Moderation hört sich etwa so an:

„Hallo, ihr da unten.“ (Pause)

„War ’n verdammt langer Weg.“ (Pause)

(geht ein paar Schritte)
„Wenn ihr wüsstet…“ (lange Pause)

(schaut sich um)
„Schicker Laden hier, kann man nichts sagen. Besser als in Chicago.“

„Geht’s euch gut?“ (Publikum: „Ja“)

„Wie bitte?“ (Publikum lauter : „Ja“)

„Na also.“ (Pause)

“Dann woll’n wir mal. Here’s looking at you, kids.”  (Applaus)

“Viel Spaß bei “Kevin – Allein gegen alle!“ (großer Applaus, Fußstampfen)

Damit verschwindet Rick hinter dem Vorhang. Nun muss der Filmvorführer ein paar Takte aus „As Time goes by“ einspielen, bis Rick mit seinem steifen Bein die rettende Hintertür erreicht hat und der Vorhang für den Hauptfilm wieder geöffnet werden kann.

Ricks Minimalismus ist an Authentizität kaum zu überbieten, was weniger mit seinem Schau-spieltalent als vielmehr mit den Rummelplätzen zu tun hat, auf denen man seine Sprache, seine Mimik und seine Gestik gründlich domestizierte. Das freilich wissen die Zuschauer nicht, sie feiern ihn wie einen Popstar, und es geht bereits das Gerücht, immer mehr Besucher kämen sogar aus dem Umland, um Rick zu erleben.

Da saß ich nun mit Leni im „Chez Lisette“. Immer mehr späte Gäste drängten nun an die rus-tikale Theke, während sich zwischen uns im Nachgang des eben gesehenen Films ein Ge-spräch über van Gogh, die Rolle seines Bruders und die seines Arztes Gachet entspann. Wir hatten uns wie immer für einen ruhigen Tisch im hinteren Teil des Raums entschieden, Kaffee mit Cognac bestellt und lauschten nun unseren Stimmen, die sanft und gedämpft im Abend angekommen waren.

„Weißt du“, sagte Leni, „ich glaube nicht, dass van Gogh verrückt war – vielleicht war er ein bisschen durch den Wind.“
„Ein bisschen durch den Wind nennst du das? Er hat sich das Ohr abgeschnitten, sowas macht man nicht mal eben zwischen Hauptgang und Dessert.“
„Es ist längst nicht erwiesen, ob es eine Selbstverstümmelung war. Könnte auch Gauguin gewesen sein.“
„Davon hab ich gehört“, sagte ich. „Aber du stimmst mir doch zu, dass da irgendwas aus den Fugen geraten war?“

Leni griff nach ihrer Zigarettenschachtel, die sie hochkant zwischen Kaffeetasse und Cognac-Schwenker aufgebaut hatte. „Okay, Cowboy, bei uns allen gerät statistisch gesehen mal was aus den Fugen. Ist man deshalb gleich geisteskrank? Mag sein, dass er es mit einer gepflegten Depression zu tun hatte und auch ansonsten ein bisschen absonderlich war – aber mal ehrlich: ihr Künstler seid doch alle ein bisschen schräge.“
„Schräge?“ gab ich zurück. “Ich doch nicht.“
„Siehst du“, sagte sie und lachte kurz auf. „Du merkst es nichtmal. Van Gogh hat von seinen Ölfarben genascht und bei dir bekommt man nichts zu essen, wenn man zum Tee eingeladen ist. Der Unterschied im Schrägheitsgrad erscheint mir sehr marginal.“

Ich hätte es mir denken können, dass Leni diese schon viele Jahre zurückliegende Begebenheit früher oder später aufwärmen würde. „Wo ist das Problem?“ fragte ich. „Wir waren zum Tee verabredet und du konfrontiertest mich gleich im dritten Satz mit einem Mangel: deinem Hunger. Wenn ich zum Tee verabredet bin, esse ich entweder vorher oder nachher – oder ich verabrede mich schon im Vorfeld besser gleich zum Essen, dann kann ich sicher sein, dass der Gastgeber Entsprechendes bereit hält. Und den Tee gibt’s nachher noch dazu.“

„Ich sag’s doch“, feixte sie zurück. „Eine völlig schräge und verquere Haltung. Wie soll man es sonst nennen: übertriebene Pedanterie, hohle Prinzipienreiterei? Zumindest erfüllt es den Tatbestand fortgeschrittenen Eigensinns, das kannst du nicht abstreiten. Dabei wäre ich mit einer Tasse Bouillon und einem Stück Brot vollständig glücklich gewesen.“

„Pah – Bouillon und Brot!“ brummte ich. „Gegessen wird mit Stil und nach Ansage. Wir sind schließlich nicht im Hause van Gogh.“

„Im Hause van Gogh hätte ich sicher warme Kartoffeln bekommen!“

„Dann hättest du aber auch mit diesen gruseligen Gestalten am Tisch sitzen müssen.“

„So gruselig sind die Kartoffelesser gar nicht“, sagte sie. „Ich hab mir das Gemälde aus der Nähe angeschaut. Es sind halt Bauern nach ’nem langen Arbeitstag.“

„Du hast echte van Goghs gesehen?“

„Ja, in Otterlo bei Arnheim. Bin sogar mehrmals hingefahren, um zu erkunden, ob es Anzeichen von Wahnsinn in den Bildern gibt.“

„Und? Hast du was finden können?“

„Nicht die Spur“, sagte sie. „Hab selten was Gesünderes und Schöneres gesehen. Van Gogh hatte diese besondere Verbindung zwischen Auge und Herz. Sicher war er extrem, und ich gebe zu, der Grat zwischen Wahn und Vision ist manchmal schmal. Aber man sucht sich die Steine eben nicht aus, wenn man neue Wege gehen will oder gehen muss. Verglichen mit ihm lebten die meisten Impressionisten wohl entspannt.“

„Apropos Impressionisten“, nahm ich das Sichwort auf. „In Bielefeld werden die deutschen Impressionisten gezeigt. Es sind ne Menge guter Nobodys dabei.“

Leni zündete nun die Zigarette an, die sie seit dem Beginn des Gesprächs in der Hand gehalten hatte. „Ja, ich las darüber in du rätst nicht welcher Zeitung. Eigentlich will ich dich seit Wochen fragen, ob du mich begleiten magst. Ein Trip nach Bielefeld könnte lustig werden.“

Liebe Marie, hier muss ich abbrechen, gerade ging das Telefon. Schwardtmann bittet mich, den Zustand seines schwarzen Rollkragenpullovers zu prüfen, weil er (man fasst es nicht!), heute Abend seinen ersten öffentlichen Auftritt als Dichter bestreiten will. Schwardtmann, nach eigenem Bekunden „einer der letzten Misanthropen auf Gottes schöner Erde“, hat sich doch tatsächlich zu einem Poetry Slam angemeldet! Mein Gefühl sagt mir, dass dieses Vorhaben in einem Fiasko enden wird, und auch seine neueste Idee, dort im endzeitschwarzen Existentialisten-Outfit aufzutreten, wird daran nichts ändern.

Ich werde dir im nächsten Brief ausführlich über alle Peinlichkeiten berichten, sofern ich nicht bereits ob all der Scham das Land verlassen habe, um als schreibender Nomade in deinen Fußstapfen zu wandeln…

Sei gut zu dir!

*Dirk*

Weiterführende Links:

Van Goghs „Kartoffelesser“ im Kröller-Müller Museum, Otterlo (NL)

De aardappeleters

Lesen Sie auch:
Schwardtmanns Poesie-Rezepte http://blog.mioch.net/?cat=35

Download aktueller Brief an Marie vom 01.03.2010 als pdf-Datei: Dirk Schulte - Brief an Marie -01.03.2010

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© Dirk Schulte, 2010  Nachdruck, auch auszugsweise, gerne, aber nur nach vorheriger
Genehmigung durch den Autor.

Kontakt: briefe-an-marie@dirk-schulte.net

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13.09.2009 

Liebe Marie,

hier scheint heute zum ersten Mal ein wenig der Herbst durch. Das Licht hat sich über Nacht verwandelt. Schwere Wolken ächzen unter einem ausgefransten Himmel, die Blätter beginnen zaghaft, sich von ihrer Vergangenheit zu trennen, nehmen unerhörte Farben an und der Wind, ja der Wind, er hat die Tonart gewechselt und braust nun in deutlich tieferen Lagen. Es ist nicht mehr der Juniwind, der leicht und ungezwungen daherkam und eigentlich nur spielen wollte, wie ein jugendlicher Gefährte, verrückt und selbstvergessen.

Während dich dein Weg vermutlich immer weiter südwärts führt, geschehen hier wundersame und erzählenswerte Dinge: Schwardtmann hat im Lotto gewonnen! Schwardtmann, der erklärte Feind aller Glückspiele, Schwardtmann, ein erklärter Feind des schnellen Glücks überhaupt, hat im Lotto gewonnen!

Seit ich ihn kenne, überprüft er die Werbebriefe der Klassenlotterie allenfalls kurz auf Stil und Orthografie (eine Marotte seit seiner Korrekturleserzeit für einen Hausfrauenratgeber-Verlag), bevor er sie in den Papierkorb wirft. Du solltest ihn sehen, wie er sich aufführt, wenn ich in seinem Beisein gelegentlich einen Lottoschein ausfülle und ihn in einer Anwandlung von Vertrautheit nach seinen Lieblingszahlen frage: Lotto sei der größte Frevel auf Gottes schöner Erde (er sagt tatsächlich „auf Gottes schöner Erde”, eine seiner Lieblingswendungen), die Gewinnwahrscheinlichkeit sei ja kaum noch errechenbar, allein die Idee einer Lieblingszahl sei schon obszön, man könne schließlich keine Zahlen lieben und überhaupt gäbe es für Phänomene dieser Art inzwischen sicher Ärzte.

Was mich nie davon abhielt, zumindest eine Reihe des Scheins regelmäßig mit einer Kombination aus seinem Autokennzeichen und meiner Sozialversicherungs-Nummer zu bestücken. Nach und nach ging ich dann zu den Geburtsdaten meiner Familie und dann zu denen meiner bevorzugten Literaten über: Rimbaud, Eluard, Prevert, Lasker-Schüler, Rilke. Bert Brecht bescherte mir zweimal drei Richtige, mit Mascha Kaléko bekam ich sogar mal eine Zusatzzahl dazu, große Würfe waren mit diesem System jedoch nicht zu holen.

Um mich numerologisch inspirieren zu lassen, habe ich mich sogar mal zu Schwardtmanns überbordenden Bücherregalen geschlichen. Die Abteilung Zeitgeschichte überschlug ich und arbeitete mich dann über die zeitgenössische osteuropäische Literatur, an der Schwardtmann ohne erkennbaren Grund einen wahren Narren gefressen hat, bis zur Romantik vor. Da standen sie nun alle, teilweise in bibliophilen Ausgaben: Novalis, Hölderlin, Brentano, Uhland, Günderrode, Tieck. Obwohl wir so gut wie nie über Lyrik sprechen, ist es mir nicht verborgen geblieben, wie sehr Schwardtmann gerade die Romantiker liebt, und auch wenn ich ihn niemals an diesem Regal sehe, weiß ich doch, dass er viele dieser Gedichte zu beliebiger Tages- oder Nachtzeit auswendig hersagen kann.

Manchmal allerdings lässt er seine Schätze aufblitzen, wie letztens im Auto auf dem Weg zum Baumarkt, wo wir uns nach einer neuen Waschmaschine umsehen wollten. Während ich an Schleuderprogramme und Umdrehungszahlen dachte, öffnete Schwardtmann zwischen zwei Schaltvorgängen urplötzlich seinen Mund und murmelte: „Wolken seh ich abendwärts ganz in reinste Glut getaucht, Wolken ganz in Licht zerhaucht, die so schwül gedunkelt hatten. Ja! mir sagt mein ahnend Herz: Einst noch werden, ob auch spät, wann die Sonne niedergeht, mir verklärt der Seele Schatten.” Das sind Momente, da würde ich für ihn durchs Feuer gehen.  

Vorletzten Montag, am späten Vormittag, ich hatte mir gerade ein zweites Frühstück aus Toast, Rührei und einem symbolischen Salatblatt bereitet, rief Leni Seyfert, die gute Seele der Seyfert, die gute Seele der Redaktion, an. Erinnerst Du Dich an sie? Der Rotschopf Leni und ich waren die einzigen Nieten in unserer Abiturklasse. Leni setzte das Durchfallen noch eine Weile fort, unter anderem in der Fahrschule und bei der Heilpraktiker-Prüfung, bevor sie dann einen Job als Filmvorführerin im Eden-Palast fand. In dieser Zeit entwickelte sie, wohl als Resultat aus Faszination und Vereinsamung, ihren unnachahmlichen Sprachstil, bei dem man nie genau weiß, welchen Filmszenen sie ihre Sätze gerade entliehen hat.

Ich hab Dir nie davon erzählt (warum auch?), dass Leni mich damals gelegentlich einzufangen versuchte. Zuletzt nach einer Vorstellung von „Vom Winde verweht”, den sie beim Verleih wohl zum Schnäppchenpreis bekommen hatten. Im „Chez Lisette” um die Ecke, Heimstatt vieler meist männlicher Kinogänger, die den Abspann nicht abwarten können, füllte Leni mich mit Likören aller nur erdenklichen Farbschattierungen ab, während sie mir mit theatralischer Gestik Scarletts innere Zerrissenheit schilderte. Ich war nüchtern genug, um zu erkennen, dass sie von ihrer eigenen Zerrissenheit sprach und beschloss, ihr dorthin nicht zu folgen. Auch in ihre Wohnung bin ich ihr dann nicht gefolgt, obwohl sie die Heimwegroute geschickt ausgetüftelt hatte. Vor ihrer Haustür angekommen, zurrte ich ihren Schal etwas fester und verabschiedete mich mit einem halblauten „Verschieben wir’s auf morgen”.

Als das Eden schließlich in Konkurs gegangen war, bewarb sich Leni auf eine Sekretärinnen-Stelle in Schwardtmanns Redaktion, wo sie sich inzwischen unter anderem als Mediatorin, interne Nachrichten-Agentur und Catering-Spezialistin unentbehrlich gemacht hatte.

„Hallo Houston, wir haben da ein Problem”, hörte ich jetzt ihre Stimme, tief und vertraut aus dem Hörer.
„Wir können Schwardtmann nicht erreichen, brauchen aber dringend seine Meinung.”
„Hm, ich hab keine Ahnung, wo er steckt – hier hat er sich jedenfalls zur gewohnten Zeit verabschiedet.”
„Na ja, vielleicht ist er ja im Antiquariat, sein Geld verjubeln.”
„Schwardtmann verjubelt niemals Geld.”
„Ach komm, er kann sich doch jetzt ganze Bibliotheken kaufen.”
„Wieso? Hab ich was verpasst?”
„Hat er dir denn nichts vom Lottogewinn erzählt?”
„Äh – Nein!”
„Dann sag ich’s dir jetzt: Die Redaktion hat dick abgeräumt, ein Volltreffer sozusagen.”
„Leni, wann können wir uns treffen?”
Auf diesen Satz hatte sie fünf Jahre lang gewartet.
„Gleich um eins hab ich Pause – in der Eisdiele?”
„Um eins in der Eisdiele - bis gleich.”

Selten war ich so schnell ausgehfertig. Liebknecht, der sich auf einen Schnurre-Nachmittag mit mir am Schreibtisch gefreut hatte, versuchte ich mit einer großen Portion feinster Metzger-Nierchen, die eigentlich fürs Wochenende vorgesehen waren, zu bestechen. Doch so leicht machte er es mir nicht - demonstrativ baute er sich vor der Tür auf und maunzte herzzerreißend. Glücklicherweise fiel mir die Quietsche-Maus ein, die irgendwann einmal auf nicht mehr nachvollziehbaren Wegen in unseren Haushalt gekommen war. Schwardtmann und ich hassen sie, weil sie bereits beim kleinsten Druck einen Höllenlärm macht, aber als letztes Mittel, um Liebknecht ruhig zu stellen, liegt sie stets einsatzbereit in einer der Küchenschubladen.

Das Quietschen war noch auf der Straße zu hören, als ich mich aufs Rad schwang, um zur Eisdiele zu fahren, die übrigens immer noch „Venezia” heißt und in meinem Kopf untrennbar mit Dir verknüpft ist, weil wir uns dort zum letzten Mal sahen. Es scheinen Äonen vergangen zu sein seitdem, und ich sehe uns noch, wie wir ganz gegen unsere Gewohnheit Coca-Cola trinken, sehe Dich in Deinem roten Leinenkleid mit fahriger Bewegung eine Zigarette anzünden, ich höre diese Stille, bevor Du leise sagtest, es müsse sich dringend etwas verändern in Deinem Leben. Wäre mir damals klar gewesen, für wie lange dieser Abschied sein würde, ich hätte Dir siebzehn Sätze mit auf den Weg gegeben – doch davon vielleicht später einmal mehr.

„Wie siehst du denn aus, biste gerannt?” begrüßte mich Leni, die sich ganz konspirativ in den hintersten Teil des Eiscafes zurückgezogen hatte. „Und du konntest wohl keinen abgelegeneren Tisch finden? Da braucht die Bedienung ja nen Falk-Plan”, flachste ich zurück. „Man will schließlich nicht hinterrücks erschossen werden.” Keine Ahnung, aus welchem Film sie diesen Satz hatte, aber hinreißend wie sie aussah, würde sie heute ganz sicher niemand erschießen. Ihre großen braunen Augen glänzten, während sie mich scannten, und das halblange rote Haar, dem sie offenbar eine Extraportion Farbe spendiert hatte, fiel in lustigen Strähnen auf den Kragen ihrer schwarzen Lederjacke, von der sie sich seit Menschengedenken nicht winters und nicht sommers trennte.

Wir bestellten Kaffee und jeder dazu einen Amaretto-Becher, die Spezialität des Hauses, während Leni mich ohne große Umschweife auf den Stand der Dinge brachte. Es war im Mai, als man ihren Geburtstag in der Redaktion feierte und nach dem obligatorischen Sekt im Stehen inklusive der Gruppengesangseinlage allmählich zu den härteren Getränken überging. Die Gespräche seien so dahingeplätschert, und über allerlei Umwege sei man schließlich auf den mysteriösen Lottogewinner aus der Nachbarstadt gekommen, der es seit nunmehr drei Jahren geschafft hatte, anonym zu bleiben. Schwardtmann habe gemeint, ein Lottogewinn in dieser Redaktion würde exakt so lange anonym bleiben, wie ein Mensch mit durchschnit-tlicher Feinmotorik brauche, um nach dem Öffnen eines Briefes eine Handynummer zu wählen. Worauf die große Viertelstunde des Sportredakteurs und notorischen Glückspielers Freddie Lierken angebrochen sei. Hehe, das käme doch wirklich auf einen Versuch an. Schon lange frage er sich, wieso man nie eine Tippgemeinschaft gegründet habe. Und überhaupt seien sie als Schreiber unverschämt unterbezahlt, das sei kein Zustand, das sei blanker Irrsinn, eine Ka-ta-stro-phe sondergleichen und deshalb sei er dafür, jetzt und hier und sofort eine Tippgemeinschaft ins Leben zu rufen, deren organisatorischer Kopf zu sein er sich nicht zu schade wäre. Dabei habe Freddie gleichsam als Beweis seiner bedingungslosen Entschlos-senheit gefährlich fest an seinem grauen Backenbart gezogen.

Leni hielt inne, um zu testen, ob ich noch bei der Sache war. Ich nutzte die Pause und nippte kurz an meiner Kaffeetasse: „Und weiter? Was sagte Schwardtmann?” Sie nahm eine ihrer filterlosen Zigaretten aus der Schachtel, umfasste unendlich langsam das Feuerzeug, als müsse sie es erst zur perfekten Form modellieren, damit es zum Einsatz kommen konnte, zippte daran und inhalierte das Gift ihrer Zigarette so laut, dass man es vermutlich noch draußen auf der Straße hören konnte. Dann lehnte sie sich gemächlich in ihre bequeme Erzählposition zurück und schaute mich an - sie hatte den Kniff raus, mich jäh ins Leiden zu stürzen.

Es dauerte eine gefühlte Atlantiküberquerung, bis sie sich entschloss, ihre Stimme wieder zu benutzen. Schwardtmann sei in seinem neuen grauen Anzug, in dem er übrigens, und dabei huschte eine Spur von zärtlichem Spott über ihr Gesicht, wie ein selbstvergessener Konfirmant aussehe, umhergestakst und in ein „Ich nicht, mit mir nicht, nein!” ausgebrochen. Sie, Leni, habe sich Schwardtmann daraufhin verbal und auch staksend angeschlossen, sie hätten gemeinsam einmal den Raum durchquert und sich dann, zurück an Freddies Schreibtisch, mit zwei frisch eingeschenkten Grappas konfrontiert gesehen.

„Leni”, unterbrach ich sie, „wir alle wissen, dass Schwardtmann keinen Schnaps verträgt.”
“Er selbst streitet es vehemt ab, aber jeder weiß es”, gab sie zurück, „doch es war bereits zu spät, ihn zu stoppen.”

Ihr jedenfalls sei nach diesem Grappa vor Freddies Schreibtisch ganz absonderlich geworden, was sie bald darauf bewogen habe, in ihre Lederjacke zu steigen und den Ort des Geschehens zu verlassen. Alle Berichte vom weiteren Verlauf des Abends stützten sich auf die Erinnerung von Nina, der Dauerpraktikantin aus dem Leserbrief-Ressor. Diese könnten aber als gesichert gelten, da Nina nach dem Begrüßungssekt nur noch Pfirsich-, Maracuya- und Apelsäfte getrunken habe.

Demnach habe Schwardtmann nach ihrem, Lenis, Verschwinden vor Freddies Schreibtisch eine militärische Haltung angenommen, die Hacken aneinandergeschlagen und mit rollendem „R” noch drei weitere Grappas verlangt, die er augenblicklich zu sich genommen habe.

Daraufhin habe er „Alles auf den Boden!” gebrüllt, urplötzlich eine Stoppuhr gezückt und die noch Anwesenden, nämlich Freddie, Nina und die Redaktuere Aberkorn und Schimmel genötigt, auf allen Vieren durch den Raum zu robben. Nach dem Stoppen der Runde habe er „Bingo!” gerufen, sei an seinen Arbeitsplatz geeilt und habe minutenlang die Grundrechen-arten bemüht und dabei etwas von Quersummen, Primzahlen, Wurzeln und Logarythmen gemurmelt.

Schließlich sei er aufgesprungen und habe Freddie mit den Worten „Unsere Zahlen!” einen kleinen Zettel überreicht. Freddie habe daraufhin zunächst Schwardtmann und dann die Zahlenreihe ungläubig angestarrt, jedoch schnell sein Pokergesicht wiedergefunden und von allen Beteiligten eine sofortige Vorauszahlung für ein halbes Jahr gefordert. Nina, die einen letzten Versuch unternommen habe, sich herauszuwinden, sei von Schwardtmann barsch unterbrochen worden, sie solle sich nicht so anstellen, da müsse man jetzt gemeinsam durch,
es gäbe schließlich Schlimmeres im Leben. Worauf er dem erstaunten Freddie mit den Worten „Für Nina mit - Wechselgeld kann ich nicht gebrauchen” einen großen Schein in die Hand gedrückt habe.

Während Leni noch erzählte, hatte ich per Handzeichen frischen Kaffee für uns bestellt.
“Leni, ich fasse es nicht”. Sie schaute angestrengt auf ihre Armbanduhr. „Niemand kann das fassen, am allerwenigsten Schwardtmann. Es wurde nicht mehr über diesen Abend gesprochen, allen war es irgendwie peinlich. Nur Freddie zog mich mal am Ärmel und raunte mir zu, Schwardtmann sei absolut filmreif gewesen. Ich hätte definitiv was verpasst.”
Sie transportierte umständlich zwei gehäufte Löffel Zucker in ihren Kaffee.

„Es plätscherte alles so vor sich hin. Bis zum letzten Mittwoch, als Freddie gleich in der Früh alle Beteiligten und mich unter einem Vorwand ins Besprechungszimmer lotste, wo er ohne Umscheife zur Sache kam und die Nachricht von sechs Richtigen überbrachte. Ohne Zusatzzahl und ohne Superzahl liegt die Quote bei sage und schreibe Neunhundert-achtundzwanzigtausend und ein paar Kaputten! Es hatte wohl niemand außer Freddie die Zahlen verglichen, denn es herrschte erstmal ungläubiges Staunen, bevor sich alle in den Armen lagen. Du hättest Schwardtmann und Nina sehen sollen, die beiden erbleichten um die Wette, als hätten sie zeitgleich eine Krebsdiagnose bekommen.”

Freddie habe jedoch schnell wieder sein Pokergesicht aufgesetzt und darauf bestanden, dass sich ab heute alle Beteiligten mit den Gesetzen der Diskretion, mehr noch, mit den Gesetzen der Konspiration zu beschäftigen hätten. Wer nicht wolle, dass sie in der Redaktion künftig über sich selbst zu schreiben hätten, müsse sich jetzt extrem zusammenreißen. Und tatsächlich habe niemand das Handy benutzt, es habe eine unspektakuläre, gelöste, aber keinesfalls euphorische Stimmung geherrscht. Nach Feierabend habe man dann gemeinsam einen Sekt aufgemacht und dabei auf Freddies Hartnäckigkeit und Schwardtmanns Zahlen angestoßen. Schwardtmann, der bei Mineralwasser geblieben sei, habe in zwei Stunden keine drei Sätze gesagt und sich mit der Begründung, er habe noch zu arbeiten, früh verabschiedet.

„Wie? Das war alles?”
Sie schaute einem der Kellner hinterher, der ein übervolles Tablett zu einem der Straßentische bugsierte.
„Was willst du hören? Mit knapp 200.000 kannst du heute deinen Job nicht kündigen, es ist allenfalls ein gutes Taschengeld. Sie sehen es eben realistisch. Und Freddie ist ganz in seinem Element, er trommelt das Trüppchen in fast jeder Mittagspause zusammen, weil die Auszahlung nun unmittelbar bevorsteht.”
„Und wie geht’s dir mit dieser Geschichte, so ohne einen Cent?”
„Ach weißt du, ich bereue nicht, draußen geblieben zu sein. Das Glück liegt doch eh woanders.”
„Wo liegt es denn, wenn ich mal indiskret fragen darf?”
Sie schien für den Bruchteil einer Sekunde zusammenzuschrecken, setzte sich dann auf und sagte: „Es sind die kleinen Dinge, die mich interessieren: die Herbstsonne, wie sie durch eine Kastanie scheint, die Erschöpfung nach einer Stunde Gartenarbeit oder eine Tasse Kaffee in netter Begleitung.” Sie sah mich verschmitzt an.
Es war fatal: Diese Sätze hätten von mir sein können.
„Oder eine verrückte Geschichte”, ergänzte ich, ohne mein Grinsen zu verbergen.
„Brauchen wir nicht alle diese Geschichten? Selbst Schwardtmann liebt sie, auch wenn er es niemals zugeben würde.”
„Stimmt”, sagte ich. „Aber was ist mit den Menschen?”
“Die Menschen bewegen sich durch die Geschichten”, sagte sie lächelnd. „Und machmal sitzt man ihnen an einem Tisch gegenüber. Was für ein Glück!”
Ich spürte, wie eine angenehme Wärme an mir hochkroch.
„Und du, was ist Glück für dich?”, fragte sie unvermittelt.
Langsam nahm ich den unbenutzten Löffel und rührte damit in meinem schwarzen Kaffee.
„Also – Glück ist zunächst mal die Abwesenheit von Leid…”
„Mister Anderson!”, fiel sie mir energisch und augenzwinkernd ins Wort. „Sind Sie ein Mensch oder eine Amöbe?” Sie lenkte meinen Blick auf ihre schmalen Finger, die jetzt eine der langen roten Haarsträhnen glatt zogen, so als wolle sie sich und mich vorbereiten auf das, was nun kommen würde.
„Glück ist mitnichten die Abwesenheit von Leid, ich behaupte sogar, es gibt gar keine dauerhafte Abwesenheit von Leid, zumindest nicht auf diesem Stern.”
„Aber wo genau liegt denn dann das Glück?”
„Das, Herr Richter…”, murmelte sie und begann, eine Zigarette aus der Schachtel zu ziehen, wobei sie auf halbem Weg inne hielt. „…ist die spannende Frage. Vielleicht ist das, was wir Glück nennen, gar kein so erstrebenswerter Zustand, sondern auch nur ein Extrem, ähnlich dem des Leids.”
Jetzt hatte sie mich getroffen. „Und was wäre deiner Meinung nach ein erstrebenswerter Zustand?”
„Es gibt nichts zu erreichen, es ist doch alles schon da”, lächelte sie wissend.
„Und was machst du genau?”
„Blumen gießen, freundlich sein, Kaffee trinken, jemanden unvermittelt umarmen.”

Und bevor ich noch den nächsten Gedanken dingfest machen konnte, war sie zu mir rangerückt und hatte die Arme um mich gelegt. Ich spürte ihre Wange an meiner, sie versprühte einen unscheinbaren, aus der Tiefe kommenden fruchtigen Duft. Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich sie einen Geldschein aus ihrer Jeans hangeln, den sie halb unter eins der kleinen Tabletts schob.

„Ich muss los, Cowboy – vielleicht setzen wir dieses Gespräch ja mal fort?”
„Aber immer gerne”, versuchte ich locker zu antworten.

Sie sagte nichts mehr und ließ mir stattdessen einen Blick da, den ich nicht von ihr erwartet hätte. Und damit huschte sie an den Kellnern vorbei zum Ausgang. Ich konnte ihr leuchtendes Haar noch eine Weile verfolgen, bis es irgendwo zwischen den Köpfen in der Fußgängerzone verschwand.

Wenn du mir, liebe Marie, bis hierhin gefolgt bist, weißt du natürlich, wohin es mich nach dieser denkwürdigen Begegnung zog. Richtig, ich radelte in „unser” Wäldchen, wo wir so oft ganz ähnliche Gespräche über Glück geführt haben, hoch oben in den Bäumen, gefährlich hoch, aber wie ich heute weiß, zu hoch, um abzustürzen.

Die unteren Äste sind inzwischen abgebrochen, so verzichtete ich auf eine halsbrecherische Besteigung und lehnte mich stattdessen an eine der Buchen. Was war geschehen, warum war ich so aufgewühlt? Leni hatte, ohne von unserer tiefen Verbindung zu wissen, genau dort angeknüpft, wo wir uns damals verloren. Ihre Theorie von Glück und Leid besaß etwas revolutionär Einfaches und gleichzeitig Schlüssiges, das mich, und das spürte ich nun immer deutlicher, von einer tonnenschweren Last befreite. Aber es war auch verwirrend schön, ihre Nähe zu spüren, ihre Haut und diesen Blick, der nur für mich bestimmt zu sein schien. Ich genoss den frischen Wind, der die Blätter durchschüttelte, und mit der selben rätselhaften Kraft wurde mein Denken geschüttelt. Schwardtmanns Lottogewinn und die schmerzende Tatsache, dass er ihn vor mir verheimlicht hatte, verloren spürbar an Gewicht, und ich ertappte mich dabei, wie ich plötzlich sogar mit einer gewissen Zärtlichkeit auf die Dinge schauen konnte.

Nach einer Weile machte ich mich auf den Heimweg. Schon von weitem sah ich den roten Sportwagen vor unserem Haus. Ein uralter Subaru XT, wie ich unschwer feststellen konnte, als ich näher kam. Nun war mir klar, was Schwardtmann heute getrieben hatte.

Er erwartete mich bereits am gedeckten Tisch, funkelnagelneu eingekleidet, in Jeans, maritimblauem Oberhemd und bestens gelaunt.

„Hunger?”, fragte er mehr obligatorisch als interessiert.
„Klar doch”, gab ich zurück.
„Ich hab gedacht, ich mache uns eine Gemüsesuppe. In zehn Minuten müsste sie soweit sein.”
„Schöner Subaru”, nahm ich das Gespräch vorsichtig auf.
“Ja, es ist ein Turbo. Ich konnte ihn günstig bekommen. Eins der schicksten Modelle auf Gottes schöner Erde.”
Er entkorkte einen Châteauneuf-du-Pape – ein für seine Verhältnisse ungeheurer Vorgang, tranken wir diesen kostbaren Saft doch sonst nur zu den allerhöchsten Festlichkeiten.
Langsam und halblaut robbte er sich nun ans Thema heran. „Du weißt also Bescheid?”
„Ja, Leni hat mir alles erzählt.”
Ich schmunzelte innerlich, weil ich gespannt war, wie er den Knoten auflösen würde.
„Hör mal”, begann er zögerlich, während er die Gläser füllte, „ich wollte dich nicht ausschließen, mir war es einfach etwas peinlich, dich damit zu konfrontieren.”
Nun hätte ich losprusten können. Er meinte natürlich, dass es ihm peinlich war, sich selbst damit zu konfrontieren.
„Du weißt doch, dass ich mit sowas eigentlich nichts anfangen kann. Ich bin da in etwas reingeschlittert, aus dem ich nicht mehr rauskam.”
“Nichts daran braucht dir peinlich zu sein”, sagte ich und nahm mein Glas. „Wie wär’s, wenn du einfach dazu stehen könntest? Im Lotto zu gewinnen ist schließlich kein Straftatbestand, soweit ich weiß.”
“Ich hatte mir ja auch vorgenommen, es dir zu sagen, sobald mir alles ein bisschen klarer ist.”
„Und? Hast du nun mehr Klarheit?”, fragte ich schmunzelnd.
Er hob sein Glas, lächelte, und prostete mir zu.
„Ich glaub schon.”
Da war es wieder, dieses neue zärtliche Gefühl. Ich verspürte keine Lust, weiter in ihn zu dringen. Wir stießen an und ließen diesen wunderbar fremd schmeckenden Tropfen die Kehlen und Schleimhäute kitzeln. Kein Zweifel: die Stimmung war entspannt.
„Ach”, unterbrach Schwardtmann die Stille, „Ich hab da noch was für dich.”
Er griff nach seinem alten Pilotenkoffer, ließ die Schlösser aufschnappen und entnahm ihm ein kleines braunes Päckchen.
“Na los, schnür es auf.”
Ich löste die Schleife des dünnen Bindfadens und hielt einen knallroten Rollkragenpullover in Händen – Handarbeit, wie ich gleich sah. Mit dem in der Mitte eingestrickten weißen Kreuz sah das Ganze wie eine Schweizer Flagge zum Anziehen aus.
“Dank dir - wie bist du denn darauf gekommen?”, fragte ich ihn, ehrlich gerührt.
“Ganz einfach”, sagte er, während sein Ausdruck plötzlich ernst und konzentriert wirkte.
“Du bist die neutralste Instanz in meinem Leben. Und das ist auch gut so.”
Dieser Satz kam aus dem undefinierbaren Labyrinth der schwardtmannschen Tiefe und rührte uns beide fast zu Tränen. Aber Schwardtmann wäre nicht Schwardtmann, wenn er nicht gleich darauf aufgesprungen und „Die Suppe, die Suppe!” gebrüllt hätte. Während er in der Küche verschwand, streifte ich den neuen „Schweizer”-Pulli über und rannte zum Spiegel. Wer hätte gedacht, dass Schwardtmann mir jemals ein Kleidungsstück schenken würde, noch dazu so ein bizarres?

Die Gemüsesuppe war vortrefflich, und wir leerten sogar noch eine zweite Flasche Châteauneuf-du-Pape, während Liebknecht sein Fell an den Beinen von Schwardtmanns neuer Jeans rieb und ich mir in aller Ruhe die Alternativ-Version der Ereignisse erzählen ließ.

Du kannst dir denken, dass Schwardtmann erwartungsgemäß keine Erinnerung mehr an seinen großen Auftritt in der Redaktion hatte - aber das war ja nun Schnee von gestern.

Zwischendurch, als Schwardtmann abwechselnd von seinem neuen Subaru und der frisch bestellten Rilke-Erstausgabe schwärmte, flocht ich die Frage ein, was denn nun eigentlich Glück für ihn bedeute. Er sah mich kurz an, nahm einen Schluck und sagte: „Und morgen gibt’s dann Gulasch, nicht wahr?”

Ja, Marie, so ist das. Nicht nur der Frühling, auch der Herbst macht scheinbar alles neu. Jedenfalls sind hier offenbar eine Menge Dinge im Fluss – hoffe, bei dir auch? Ich schicke, solange ich nichts Gegenteiliges von dir höre, alle Post nach Faro.

Sei gut zu dir!

*Dirk*

P.S.: Man glaubt es kaum, habe doch eben in der Küche, halb unter der Brotschneidemaschine versteckt, einen kleinen unscheinbaren Zettel gefunden. Darauf lese ich, in Schwardtmanns bester Handschrift: „Für D. - Glück ist der tägliche Versuch, dem inneren Tier zu entkommen”.

©Dirk Schulte

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© Dirk Schulte, 2009  Nachdruck, auch auszugsweise, gerne, aber nur nach vorheriger
Genehmigung durch den Autor.

Kontakt: briefe-an-marie@dirk-schulte.net

Briefe an Marie

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27.07.2009

Liebe Marie,

danke für Deine Nachricht aus Malaga – die Karte hängt inzwischen, wie alle anderen vor ihr, an meiner Lieblingswand in Schreibtischnähe, den roten Faden Deiner Reiseroute habe ich jedoch verloren. Langsam kommt mir der Verdacht, dass Dein roter Faden längst nicht mehr mit der Route oder den Zielen Deines Unterwegsseins korrespondiert.

Du bist die Adressatin des dritten echten und handgeschriebenen Briefs, den ich in der zurückliegenden Woche schreibe. Außer Dir gab es ja bisher in meinem Leben nur meinen Vater und Frau Schnettler, meine alte Lehrerin, die mit dem Internet nichts zu schaffen haben wollen. Neuerdings häufen sich allerdings die notorischen Querulanten - und du weißt, ich hatte schon immer ein großes Herz für diese aussterbende Spezies. Doch davon ein andermal mehr.

Schwardtmann meint, wer heute vorsätzlich und freiwillig nicht mit dem Internet verbunden sei, der entlarve sich selbst als kommunikationsresistenten Philanthropen. Letzte Woche, auf dem Geburtstag von Theo Lachnit (erinnerst Du dich an den Apotheker im Viertel? Er ist längst pensioniert und hat neuerdings seine Finger in der Reptilienzucht…) geiferte er nach dem dritten Glas Wein, das händische Briefeschreiben, Briefmarken an sich und der Schneckenpostverkehr überhaupt seien altfränkische Pseudo-Rituale, die verboten gehörten.

Aus Rache war ich am nächsten Morgen vor ihm in der Küche und habe seine geliebte Mirabellenmarmelade versteckt, sein „Kleinod am Morgen“, wie er zu sagen pflegt und dabei nie Frau Strathoff, die Lutheristin aus dem Elsass, zu erwähnen vergisst, die ihn seit Jahr und Tag damit beliefert. Wohl oder übel musste er nun auf Nutella umsteigen, einen Brotaufstrich, den er hasst wie die Pest. Du hättest ihn sehen sollen, wie er zornesrot zur Tür rausstürmte und sich in die Reste seines Subarus schmiss, um zur Redaktion zu fahren.

Damit war das Thema für mich allerdings noch nicht durch. Ich erinnerte mich an den Tag in den Neunzigern, da ich mit Dir vor Rollo Winzens Monitor saß, Rollo ein paar Mal auf die Maus klickte, sich umständlich eine seiner platten „Nil“-Zigaretten ansteckte und dann geheimnisvoll „Wir sind im Internet“ raunte. Und ganz so, als wäre es Teil einer ausgefeilten Inszenierung, ertönte, als wir noch staunend eine amerikanische Webseite mit unverständlichen Tabellen betrachteten, aus Rollos Computer ein quietschendes „Möpp-Möpp“. „Ah, da kommt gerade eine E-Mail von Frank aus Hamburg“, sagte Rollo betont teilnahmslos und nahm einen großen Schluck aus seiner Colaflasche. Schon damals war ich sicher, dass er unsere Anwesenheit als Zeugen dieses ungeheuren Vorgangs genoss. Nach einem weiteren Mausklick konnten wir die E-Mail lesen: „Hallo Du alter Schwede…“, hieß es da in der Begrüßung, und ich verspürte genau die Mischung aus Faszination und Unwohlsein, die ich aus der Achterbahn kannte, während ich vergeblich versuchte, in Deinem unbeweglichen Gesicht zu lesen.

Bevor Rollo uns noch in die technischen Details seiner Revolution einweihen konnte, fanden wir uns bereits auf der Straße wieder, schweigend und verwirrt. Mir war, als hätte uns ein großes Kino ausgespuckt, nach einem obszönen Breitwandfilm in grellem Technicolor, freigegeben ab 18 Jahren. Weißt Du noch, wie wir wie zwei Halbwüchsige in der Nacht standen, Du meine Hand in Deine nahmst und nach einer kleinen Ewigkeit „Das ist das Ende der Zeit“ sagtest? Damals ordnete ich Deinen Satz in die Rubrik „philsophisch-abstrakt“ ein - heute weiß ich, wie Recht Du hattest.

Die Zeit kommt mir volatil, brüchig, flüchtig vor, sie hat nicht nur ihre gefühlte Verlässlichkeit verloren, sondern auch ihre ganz eigene Poesie. Der „Download“ einer „Message“ wird heute in Sekunden gemessen, Absender und Adressat kommunizieren im Mausklickintervall. Nun könnte man entgegnen, die Zeit sei eben kürzer geworden, das sei die technische Entwicklung, der Fortschritt, die Zukunft. Ich glaube, wir sind an einer kollektiven Haltung angelangt, die das Phänomen Zeit auf eine mathematische Größe reduziert und zu einem „betriebsrelevanten Faktor“ verkommen lässt. Unser Denken, unser Fühlen und unsere Kreativität brauchen jedoch zwingend einen Raum, der weder zeitdominiert noch fremdbestimmt sein darf.

Die Zeit hat ihr Hinterland verloren, wir müssen es zurückerobern, und wenn es noch so anachronistisch scheint. Wie liebe ich es, in Bibliothken zu stöbern und zu recherchieren, ganz haptisch echte Bücher in meinen Händen zu halten, meinen Blick über den Einband schweifen zu lassen und den Duft von vergilbtem Papier aufzusaugen! Stunden, die wie im Flug vergehen und mir dennoch das Gefühl einer ganz eigenen und angemessenen Geschwindigkeit geben. Das nennt man heute wohl „Old School“.

Mit dieser „Old-School-Haptik“ habe ich vor einigen Tagen ein haikuähnliches Poem auf meinem 110 Gramm leichten Schreibpapier festgehalten:

Die Krähen im Nachtflug -
Wer weiß schon, welches
Lächeln sie beschreiben?

Der Anlass hat mit Liebknecht zu tun, der nun schon seit Wochen in schöner Regelmäßigkeit Spatzen erlegt und sie mir mit einer für ihn ganz und gar untypischen Devotion schnurrend vor die Füße legt. Beim ersten Mal habe ich noch die Arbeitshandschuhe übergestreift, den kleinen Spatz in den Garten getragen und ihn in der Nähe des Apfelbaums vergraben. Inzwischen, nach dem zehnten oder elften Opfer, habe ich jegliche Scheu vor den leblosen Körpern verloren, während der Garten sich allmählich in ein Massengrab verwandelt.

Um zu verhindern, dass er die Tiere wieder ausgräbt, muss ich mich bis in einen Meter Tiefe vorarbeiten - angesichts des weitläufigen Wurzelwerks eine schweißtreibende Arbeit. Liebknecht begleitet das Bestattungsritual jeweils mit freundlichem bis genießerischem Geschnurre und Gemaunze, leckt anschließend meine inzwischen schwielig gewordenen Hände und hat einen Heidenrespekt vor der großen Schaufel, die für ihn offenbar eine spirituelle Instanz darstellt.

Mir fehlt das Wissen, dieses Verhalten tiefenpsychologisch zu deuten - auffällig ist jedoch, dass Liebknecht in der letzten Zeit verstärkten Körperkontakt zu mir sucht. Unmöglich zu sagen, ob er mich als heimlichen Verbündeten oder eher als schnöden Handlanger betrachtet.
Jedenfalls kann es so nicht weitergehen. Entweder muss ich eine Ladung Mäuse besorgen,
die ich im Garten aussetze, oder eine Selbstschuss-Anlage installieren, um die Vögel fernzuhalten…

Ich glaube, ich muss nun aufhören, aus der Küche riecht es penetrant nach Speck, Tomatensoße und einer Knoblauch-Rosmarin-Mischung - ein sicheres Indiz dafür, dass Schwardtmann sich mit seinen unnachahmlichen Bratkartoffeln bei mir einschleimen will, nachdem er gestern meine Apfelpfannkuchen mit einem kurzknurrigen „trivial“ niedermachte.

Auf Befragen gibt er an, das Rezept sei, ausgehend von seiner aus den Inneren Karpaten stammenden Urgroßmutter väterlicherseits, in ununterbrochener Folge an die Nachkommen- schaft weitergegeben worden - nun sei es an ihm, als letzter kochfähiger Überlebender dieser Linie die „Pressburger Bratkartoffel“ ins einundzwanzigste Jahrhundert zu retten und sie künftigen Generationen unverfälscht zu übergeben. Er stehe sozusagen im Dienst einer höheren, wenn nicht gar heiligen Sache.

Ich glaube ihm kein Wort, aber mit den Jahren habe ich mich an seine Bratkartoffeln gewöhnt wie an so vieles mehr: an das „Poste Restante“, das ich gleich auf den Umschlag dieses Briefes schreiben werde und an die Tatsache, dass Du nun endgültig zur Nomadin geworden bist…

Hoffe, diese Zeilen erreichen Dich noch in Lissabon - sei gut zu Dir!

*Dirk*

P.S.: Rollo ist wie angekündigt tatsächlich irgendwann ins Computerparadies nach Redmond ausgewandert - wir haben nie mehr etwas von ihm gehört, und obwohl die Welt ja eine Google sein soll, konnte ich nirgends auch nur eine Spur von ihm entdecken. Vielleicht werde ich ihn eines Tages suchen gehen… .

Download als pdf-Datei: Dirk Schulte - Brief an Marie - 27.07.2009

© Dirk Schulte, 2009  Nachdruck, auch auszugsweise, gerne, aber nur nach vorheriger
Genehmigung durch den Autor.

Kontakt: briefe-an-marie@dirk-schulte.net

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