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Johan Verminnen: Brüssel, mein Tor zur Welt

Brüssel, die Stadt mit der er sich eng verbunden fühlt, ist ein häufig in seinen Liedern wiederkehrendes Thema und eine Inspirationsquelle. Der am 22. Mai 1951 in Wemmel, nördlich von Brüssel, im Pajottenland geborene Johan Verminnen hat im letzten Jahr sein drittes Buch herausgegeben. In diesem Buch spielt, genauso wie in vielen seiner Lieder, Brüssel eine zentrale Rolle.

Mit Humor, Poesie und viel Lokalkolorit beschreibt Johan Verminnen in diesem Buch seine stürmischen Anfangsjahre in Brüssel. Er erzählt, wie er von seinem Geburtsdorf Wemmel in die Stadt zog, um erwachsen zu werden, und wie er sich zur Theaterpersönlichkeit von heute entwickelte. Die Konfrontation mit anderen Kulturen in dieser pulsierenden Stadt veränderte seine Sichtweise auf die Welt.

Zu diesem Buch gehört eine CD mit bekannten und neuen Liedern über sein Brüssel.

Inhaltsverzeichnis: Van Brussel naar de wereld

Eine Leseprobe aus: Van Brussel naar de wereld 

Brüssel, mein Tor zur Welt

von Johan Verminnen, in einer Übersetzung von Peter Mioch

                                                                                                                ©2007: Johan Verminnen und Uitgeverij Davidsfonds NV, ISBN 9789063065539

 ”Avec le temps, avec le temps, va, tout s’en va, mêmes les plus chouettes souvenirs” erklingt es in dem imposanten Chanson “Avec le temps” von Leo Ferré. Ist das der Grund, warum ich mit viel Spaß die Erinnerungen an meine Brüsseler Jahre niederschreibe? Die Konfrontation mit dieser pulsierenden Stadt, die niemals schlafen ging, prägte mein Bild über Menschen und Dinge. Meine Sicherheiten wurden durch sie in Frage gestellt, aber mein Verständnis für die Menschen wuchs.

Grundlage für dieses Buch bilden Anekdoten, welche ich hauptsächlich aus den Kolumnen schöpfte, die ich jahrelang für “Deze week in Brussel” schrieb. Beim Wiederlesen fühlte ich mich noch einmal zurückversetzt in die Zeit als junger Mann, als ich am Anfang meiner stürmischen Laufbahn stand. Vielleicht ist etwas in mir nie aus Brüssel weggegangen, stehengeblieben zwischen De Munt und dem Südbahnhof.

Johan Verminnen

Kapitel 1 

Von einem Dorf im Schatten in eine Stadt im Licht

“In meinen Erinnerungen ist noch etwas Dorf
Fetzen von Jahrmarkt und Musik
Ich sehe die Fahnen und die Wimpel
Die Tierbeschau zog viele Leute an
und die Cafés, ja die florierten
Das Bier mit einer Schaumkrone darauf
floss in Strömen durch die Kehlen”
Aus: Dorf meiner Kindheit, Originaltitel: Een beetje dorp - Gegenlicht

Jedes Mal wenn ein Bus aus Merchtem, Opwijk oder Dendermonde vorbeidonnerte, bebte das Haus in seinen Grundfesten. Die Dachgaube des Zimmers, welches ich mir mit meinem Bruder Paul unter den Dachpfannen teilte, ging zur Straße raus. Die Fenster zitterten furchtbar unter dem niemals nachlassenden Verkehr zwischen Dorf und Stadt, der über eine kopfsteingepflasterte Straße mit dem Hinterland verbunden wurde. Direkt gegenüber Nummer hundertacht am Merchtemsesteenweg in Wemmel lag ein Bauernhof, der schon lange keinen frischen Anstrich mehr gesehen hatte. Er wurde von einer alleinstehenden Dame namens Pauline bewohnt. Sie kochte auf Hochzeiten und Festen. Auf jedem Schlachtfest wurde sie wegen ihres legendären “Plat spécial”, eines Gerichts aus Nieren, Kalbsfleisch und Wiesenchampignons in Madeirasoße, gerühmt.

Fünfzig Meter von uns entfernt läuteten die Glocken der Sint-Servaaskerk und unter den wohlwollenden Augen des Küsters baumelte ich zusammen mit Freunden wie ein Engelchen am Tau, das den Mechanismus in Bewegung setzte. Als Messdiener probierten wir nach der Frühmesse den Messwein in der Sakristei, bevor wir zu Bus und Bahn hasteten, die uns zu den Brüsseler Schulen brachten. Heimlich verabredeten wir uns vorher im Gemeindepark noch mit Mädchen, die unser Herz entflammten. Warme, heiße Küsse und Zungenküsse, von denen man ewig träumen konnte! In den Kastanienlichtungen, die den Park umringten, ritzten wir mit Schweizer Messern unsere Namen in Herzen. Auf verwitterten Bänken schworen wir einander ewige Treue.

In diesem im Schatten der Hauptstadt schlummernden Dorf wuchs ich als Jüngster von fünf Geschwistern auf. Mutter sorgte für den Haushalt und Vater brachte den Lohn nach Hause. Zwei Schwestern bemutterten mich und zwei Brüder lasen mir die Leviten. Für die Größten war ich zu klein. Mein Kummer war groß, weil ich nie dazugehörte. Ich fühlte mich gegenüber meinen Brüdern und meinen Schwestern so wie mein Dorf im Angesicht der Stadt. Die Randgemeinde drohte durch das große, alles verschlingende Monster geschluckt zu werden.

Zur Weltausstellung 1958 wurde Wemmel endgültig erschlossen und das parzellierte ehemalige Ackerland machte letztendlich ein “dortoir”, eine schlafende Vorstadt daraus. Beamte der EWG trieben die Mietpreise in die Höhe und veränderten nach und nach das ländliche Gesicht der Gegend. In den Läden wurde plötzlich, wenn auch nicht immer korrekt, ziemlich gut Französisch gesprochen.

Für einen Heranwachsenden in Jeans und Parkajacke war eigentlich nicht viel los. Alles spielte sich in der nahegelegenen Stadt ab. Am Horizont blinkten die Kugeln des Atomiums und sieben Kilometer weiter lag das Zentrum einer Stadt, die niemals schlafen ging. Eine Stadt, in der man frei sein konnte. Mit Straßen in denen man sich verstecken konnte. Straßen wie Schultern, an denen man weinen konnte. Was für ein Gegensatz zu den beklemmenden, kontrollierenden Augen der lauernden und taxierenden Nachbarn und Dorfgenossen. “Dein Haar ist zu lang”  schimpften sie, aber ich antwortete gefasst: “Und eure Vorstellungen greifen zu kurz!”

Zweimal im Jahr veranstaltete man einen Jahrmarkt, um Dampf abzulassen. Es gab eine Jugendbewegung, der man sich gleichsam automatisch anschloss. Einen Fußballverein, in dem man die Schuhe des Bruders auftrug. Ein Kino mit dem farbenprächtigen Namen Lido, in dem nichtssagende Familienfilme und Western, meistens mit John Wayne oder Ava Gardner in den Hauptrollen, gezeigt wurden. Ein Freilichttheater mit einer jährlichen Vorstellung des Reisenden Volkstheaters. Eine Ausstellung über das Dorfleben von früher und danach eine unterhaltsame Plauderei über ihre Botschaft. Das war richtige Kultur! Davon konnte man wenigstens etwas lernen! Nein, mir reichte das nicht! Ich wollte mehr!

Also brachte mich die Straßenbahn am Mittwochnachmittag oft in den Nordbezirk der Hauptstadt. Am Ende ihrer Strecke fuhr sie durch das Rotlichtviertel beim Bahnhof an einem offenen Abzugskanal, der stinkenden Zenne, vorbei. Damen mit einladenden Dekolletés lockten ungeniert die Passanten und zeigten mir mehr, als das Dorfkino jemals vermuten ließ.

In der Nieuwstraat lag La maison bleue, ein Plattenladen mit Musik aus der ganzen Welt. Ich kaufte eine Langspielplatte und versteckte eine zweite unbezahlt unter meiner Parkajacke. Memphis Slim und Big Bill Broonzy lehrten mich den Blues. Die Kinks und die Beatles versetzten mich in einen Rausch.  Auf dem Radio-Pick-up von Telefunken im Wohnzimmer kratzten die Nadeln Noten in meine Seele, bis mein Vater jedes Mal wütend ausrief: “Mach doch das Katzengejammer mal eben aus!” In meinem Zimmer suchte ich auf meiner gebrauchten Gitarre oft hoffnungslos nach den Akkorden von “Blowin’ in the wind”. Mit Hilfe von Ferre Grignard schaffte ich es endlich ein erstes Lied zu spielen, indem ich seine Lieblingsakkorde E, A und H benutzte. Auf meine verblichene Levi’s Jeans malte ich “Love and Peace” und auf meiner Büchertasche stand “Yankee go Home” geschrieben. Das war mein Beitrag zum Protest gegen das amerikanische Debakel in Vietnam. Meine schulischen Leistungen verhielten sich umgekehrt proportional zu meinen musikalischen Schwänken und verschlechterten sich folglich beträchtlich. Davon zeugten auch die Strafarbeiten und negative Kommentare über mein Zeugnis.

In Brüsseler Underground-Cafés wie das Le Floriot, Le petit blanc und das Welkom probierte ich trockenen Weißwein und lauschte einer Musicbox mit französischen Chansons. Derroll Adams, der nach der Expo ‘58 hier hängengeblieben war, sang in der Ecke des Cafés mit seiner tiefen Bassstimme und begleitete mit seinem quengelnden Banjo seine Folksongs. Er weckte mein Interesse für die Weltmusik.

Mein ältester Bruder Bert, der Gedichte und Theaterstücke schrieb, machte mir Mut, mich weiter künstlerisch auszubilden. Ich schrieb meine ersten unreifen Liedtexte in ein Schulheft. Mit Freunden gründete ich eine erste Band, mit der wir das Repertoire von Bob Dylan, Donovan und Boudewijn de Groot traktierten. Mit selbstgebauten Lautsprechern belauschten wir die Feste der katholischen Jugendbewegung. In der einzigen Tanzgelegenheit im Dorf, dem Saal Pax, hatten wir unsere Premiere. Auch im Gildenhaus, Hooghuis genannt, spielten wir sonntagabends oft unsere Lieder vor Altersgenossen. Sie wollten wie wir der Langeweile des Dorflebens entfliehen.

Ach, das Dorf, jeder kannte jeden und niemand entfloh der sozialen Kontrolle und den Vorschriften, die man uns auferlegen wollte. Es wurde geklatscht und getratscht, es wurde beurteilt und vor allem verurteilt. Glücklicherweise kam ich aus einem behüteten Nest, das mich beschützte. Meine Schwestern und Brüder kämpften sich frei und brachen das Eis für mich. Deshalb konnte ich ohne großen Widerstand meiner Eltern den Wechsel vom Sint-Pieterscollege in Jette zur Dramaturgie-Abteilung des Konservatoriums in Brüssel vollziehen. Nand Buyl sagte mir dort einmal: “Du spielst eine Rolle am Besten, wenn du du selbst bist.” Damals begann für mich das richtige Leben.

Freunde meldeten mich bei “Ontdek de ster” an, einem Singwettbewerb des damaligen Senders BRT, bei dem Toon Hermans mir gratulierte und mir meinen Preis überreichte. Zwei Busse voll mit Dorfgenossen begleiteten mich nach Antwerpen, um mich anzufeuern und den Sieg mit mir zu feiern. Das Hooghuis war zu klein für das Festgetöse danach und die Fässer waren schnell leer. Angebote für Plattenverträge flogen mir um die Ohren. Ja, das war damals noch möglich! Die Meisten versprachen mir das Blaue vom Himmel, aber glücklicherweise brachte ein Anruf von Will Tura mich mit Jean Kluger zusammen. Der nahm die Dinge gründlich für mich in Angriff und wurde für die folgenden 15 Jahre mein Produzent. Kluger lehrte mich alle Kniffe des Faches und dafür bin ich ihm heute noch dankbar. 

“Het Sienjaal” war der Name eines Jugendcafés, das ich mit meinem alten Freund betrieb, um etwas dazu zu verdienen. Wir hatten selten Auftritte und der Anfang meiner Karriere war schwer. Zusammen mit meiner Jugendliebe mietete ich in Wolvertem, einem nahegelegenen Dorf, ein Haus. Wir hatten kaum Komfort und viel zu wenig Geld und doch waren wir glücklich. Langsam bekam ich mehr Arbeit und mit Raymond van het Groenewoud als Begleiter bahnte ich mir einen Weg und eine Karriere, die allerdings nicht immer auf Rosen gebettet war. Wir ließen das Jugendcafé mit Schulden von vierzigtausend Francs aus unbezahlten Rechnungen hinter uns. Unsere Kunden dachten wohl, das Bier wäre gratis. Und ich, ich ließ das Dorf so wie es war und zog mit einer neuen Liebe in die Stadt, mon Amérique à moi (Ende des ersten Kapitels).

CDs und Bücher können über die Johan Verminnen Homepage

http://www.johanverminnen.be/

bezogen werden.

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