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Mai 2008
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Archive für Mai 2008

Groninger Geschichten und Erinnerungen Online

Was versteht man unter dem Begriff Blaue Stadt (Blauwe Stad)? Was hat Christoph Bernhard Graf von Galen, 1650-1678 Fürstbischof von Münster, mit Groningen zu tun? Wer waren Rutger Kopland, Titia Brongersma, Ede Staal oder wer ist Marianne Timmer? Wie war es, wenn man als Kind in den vierziger und fünfziger Jahren in Groningen bei Oma und Opa zu Besuch war (De Verrassing)? Wie war es in einer Groninger Nachbarschaft in den zwanziger Jahren (Mijn buurt: om school en huis)?

Das sind nur einige Fragen, die von der Internetplattform, Het Verhaal van Groningen (Die Geschichte aus Groningen), beantwortet werden.

Ins Leben gerufen wurde die Internetplattform von Haus der Groninger KulturRHC Groninger Archive, Das Museumshaus, Packhaus Libau, dem Provinzarchäologen und der Stiftung Groninger Kirchen. Beteiligt am Projekt sind bislang über sechzig Gemeinden, Institutionen, Museen, Bibliotheken und Kirchen in der Provinz Groningen.

Hetverhaalvangroningen.nl bietet Institutionen, Organisationen und Privatpersonen in der Provinz Groningen die Möglichkeit, Geschichten und Erinnerungen rund um das kulturelle Erbe zu veröffentlichen. So wächst ein Online-Informationszentrum und Nachschlagewerk über das kulturelle Erbe Groningens heran. Die Geschichten und Erinnerungen beschäftigen sich mit der eigenen Umgebung, Landschaft, Dorf und Stadt oder mit Ereignissen aus der nahen und fernen Vergangenheit. Bei den Geschichten handelt es sich um Basisinformationen. Sie werden durch Verlinkungen, Abbildungen, Filme oder Tondokumente ergänzt. Außerdem wird auf Institutionen verwiesen, bei denen man weitergehende Informationen zum Sachverhalt einer Geschichte erfährt und bei denen man das angesprochene Thema vertiefen kann. Der Besucher erfährt beispielsweise etwas über historische Objekte, Kirchen, Ereignisse, regionale Sprachen, Denkmäler oder die Groninger Landschaft.

Mit folgenden Kategorien kann man sich dem Inhalt der Internetseite nähern:

  1. Verhalen - Geschichten
  2. Herinneringen - Erinnerungen
  3. Instellingen - Auflistung der beteiligten Institutionen
  4. Groningers - Biographien von Groningern
  5. Voorwerpen - Objekte/Gegenstände
  6. Monumenten - Monumente/Denkmäler

Het verhaal van Groningen 

Geschichtenkarte 

 Mit der Geschichtenkarte besteht die Möglichkeit,

 sich geographisch den Inhalten zu nähern.

Zeitreisen

 

  Mit der Grafik Zeitreisen besteht die Möglichkeit,

  nach Jahren auf den Inhalt zuzugreifen.

Um ein inhaltliches Beispiel dieser Internetseite zu geben, habe ich den Beitrag von Hil van der Meer aus der Kategorie “Herinneringen” (Erinnerungen) ins Deutsche übersetzt. Hil van der Meer beschreibt seine Kindheit in der Gemeinde Haren südöstlich der Stadt Groningen während der Kriegsjahre. Ich bedanke mich bei dieser Gelegenheit herzlich beim Autor Hil van der Meer und Lotte Kleijssen von den Groninger Archiven für die Erlaubnis zur Veröffentlichung des Beitrages und der Originalfotos.

Eine Kindheit in Haren während der Kriegsjahre (Originaltitel: Een kind in Haren in de oorlogsjaren)

von Hil van der Meer in einer Übersetzung von Peter Mioch

Wir wohnten in der Bahnhofstraße in einem Haus, das früher einmal eine Molkerei gewesen war. Die zwei Zimmer unserer Wohnung lagen an einem langen Gang, der von der Eingangstür bis zur Hintertür verlief. Die erste Tür links führte in das Vorderzimmer. Vor der Tür des Hinterzimmers befand sich eine kleine Diele. Dort stand ich mit meinen Eltern und meiner Schwester bei Luftalarm, wenn die Bomber das Ruhrgebiet überflogen und bombardierten oder englische Jäger Züge auf dem Rangiergelände in Ommen beschossen. In der Diele, vor der Kellertür, stand immer ein Koffer für die Flucht bereit.

Haren Bahnhofstraße                                                   Haren Stationsweg, ca. 1935, Fotosammlung RHC Groninger Archieven [1986-22442]

Hinter der Eingangstür befand sich eine große Luke. Bevor meine Eltern ins Bett gingen, öffnete mein Vater die Luke, drehte den Haupthahn ab und ließ die Wasserleitung zur Küche hin leerlaufen. Der einzige Wasserhahn im Haus befand sich in der Küche. Im Winter ließen wir den Wasserhahn mit einem dünnen Wasserstrahl laufen, um ein Einfrieren zu verhindern - denn in den Kriegsjahren waren alle Winter streng. Mein Vater griff nicht gerne in das Loch hinter der Luke, weil da Ratten lebten. Er versuchte sie mit großen Rattenfallen zu fangen, die mit Ketten an der Wasserleitung befestigt waren. Wenn nachts eine solche Falle zu fiel, war unter dem Boden des Flures ein enormer Krach zu hören.

Die Wände im Haus waren sehr anfällig. Wenn meine Schwester und ich am Balgen waren, riefen meine Eltern im Chor: ‘Denkt an die Tapeten’. Die konnte man leicht eindrücken. Auf den rauen Innenwänden waren Latten befestigt und auf diesen Latten war eine Art Jutestoff befestigt. Hierauf waren mit Kleister alte Zeitungen geklebt und darauf wieder die Tapeten. Bei uns befanden sich immer Mäuse hinter den Tapeten im Hinterzimmer. Es stellte sich heraus, dass sie in einem gegebenen Augenblick sogar ein Loch in die Tapeten oberhalb des Schornsteines genagt hatten.

Vor dem Schornstein stand ein Allesbrenner. Aus nassem Papier formten wir Kugeln, die getrocknet in den Ofen wanderten. Mein Vater hatte auch eine Gaslampe an der Wand über dem Schornstein angebracht. Die Gasflasche zur Lampe stand im Zimmer auf dem Fußboden. Wenn es ganz dunkel war und die Verdunkelungsgardinen zu gezogen waren, wurde die Lampe angezündet. Meine Schwester und ich durften in der Nähe des Strumpfes dieser Lampe noch nicht einmal husten, so zerbrechlich war er. Wenn der Strumpf kaputt gegangen wäre, hätten wir kein Licht mehr gehabt.

 Kirchstraße                  Haren, Kerkstraat ca. 1962, Hinter dem zweiten Auto rechts war die Bibliothek von Reinders. Fotokollektion RHC Groninger Archieven [1986-11311]

Der Krieg hatte auf viele Bereiche des Lebens Rückwirkungen. Mein Vater hatte unser Radio auf Befehl der Deutschen im Rathaus abliefern müssen. Aber wir vermissten es nicht, wir lasen viel. Jede Woche holten wir uns alle vier ein Buch bei Reinders in der Kirchstraße. Dort hinter seinem Zigarrenladen befanden sich zwei Zimmer mit Büchern seiner Leihbibliothek. Zehn Cent pro Buch. Fast jeden Abend saßen wir am großen Tisch im Hinterzimmer bei der Gaslampe und lasen. Dann wurde nicht viel gesprochen. So dann und wann schenkte meine Mutter eine Tasse Surrogattee ein. Eines Abends sagte sie: ‘Guckt mal ganz vorsichtig, im Loch über dem Schornstein sitzt eine Maus, die uns beobachtet’.

Eines Morgens klingelte es. Auf der Schwelle standen zwei deutsche Offiziere und ein Mann in Zivil, der Niederländisch sprach. Dieser sagte zu meiner Mutter, dass er durch das Fenster des Vorderzimmers hinein gesehen habe und dass das Zimmer am nächsten Morgen leergeräumt sein müsse. Am kommenden Morgen fuhr ein Lastwagen vor, der einige Ballen Stroh und ein Paket Decken brachte. Von ein paar deutschen Soldaten wurde alles in das Vorderzimmer geworfen. Um Viertel nach fünf standen vier Männer vor der Tür, die bei uns einquartiert wurden und im Vorderzimmer schlafen mussten. Es waren Landarbeiter aus Ostgroningen, die Gruben für die Wehrmacht ausheben mussten. Meine Eltern waren nicht erfreut darüber. Aber wir machten das Beste daraus. Meine Schwester und ich saßen abends mit roten Ohren da und lauschten allen Geschichten, die von den Männern erzählt wurden.

Weil um zwanzig Uhr die Sperrzeit begann, waren alle jeden Abend zu Hause. Das größte Problem war die Tonne. Wir hatten noch kein Wasserklosett, sondern verrichteten unser Geschäft auf einem dreieckigen Balken mit einem Loch darin in eine Tonne. In dem Zeitraum, als die vier Männer im Vorderzimmer schliefen, wurde die Tonne von meinem murrenden Vater ein paar Mal in einer tiefen Grube im Garten entleert.

Regelmäßig fuhren Lastwagen durch die Straße, die Zuckerrüben vom Land in die Zuckerfabrik nach Groningen brachten. Diese mussten in der Kurve von der Bahnhofstraße in die Kirchstraße ihre Geschwindigkeit verringern. Nachbarsjungen und ich sprangen hinten auf die Ladefläche und zogen ein paar Rüben raus. Es gab nicht viel zu organisieren während des Krieges und die Rüben konnten wir gut gebrauchen. Meine Mutter machte daraus Sirup der köstlich auf Brot und im Brei schmeckte.

Die Besetzung hatte auch Folgen für das Unterrichtswesen. Sowohl die öffentliche Volksschule als auch die christliche Grundschule in der Kirchstraße waren von den Deutschen requiriert. Das war der Grund, warum wir weniger oft zur Schule gingen. Wir hatten ein paar Tage in der Woche Unterricht in einem Saal des Gemeindehauses und in einem großen Zimmer beim Zahnarzt.

Ungeachtet aller negativen Aspekte des Krieges genoss ich all die Deutschen, die singend durch das Dorf marschierten. Ich fand das wunderbar, wusste aber natürlich durchaus, dass ich das nicht schön finden durfte. Es waren immerhin die Moffen, die unser Land besetzt hatten und die alle nur böse Dinge taten.

Wenn ich nachts wach liege, denke ich öfter mit einiger Wehmut an die Zeit zurück, als ich ein Kind in Haren war, während der Kriegsjahre.

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