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1.3.2010 von Peter Mioch.
01.03. 2010
Liebe Marie,
lange habe ich nichts mehr von dir gehört. Dein Päckchen mit dem Schuh, das mich vor drei Monaten erreichte, lässt mich einigermaßen ratlos zurück. Was hab ich mir nicht schon alles schicken lassen: frischen Fisch aus Sylt, eine Palette Bio-Kaffee aus Ecuador, einen neuartigen (und wie sich später herausstellte völlig unbrauchbaren) Lötkolben aus Manchester – aber einen Damenschuh habe ich niemals bekommen. Noch dazu ohne jede weitere Erklärung, Auflösung oder Handreichung. Das Versenden eines einzelnen, gebrauchten Schuhs hat was von einem Kriminalfall, das musst du zugeben. Die tief im Süden weilende Täterin beseitigt Beweismittel, indem sie sie per Päckchen quer durch Europa schickt. Ich sehe schon Schwardtmanns Schlagzeile: „Internationale Damenschuh-Bande wieder aktiv – Komplizen in der Region?“
Liebe Marie, der Empfänger einer solch bizarren Sendung braucht doch eine irgendwie geartete Form der begleitenden Ansprache! Ein „Bitte neu besohlen lassen“ oder ein „Verwahrst du den für mich?“ oder auch ein „Kann weg“ hätte gereicht. So bleiben mir nur Mutmaßungen über deine Motive – und du weißt, ich hasse Mutmaßungen, die sich aus Ratlosigkeit speisen.
Okay, deine Poesie war schon immer etwas handfesterer Natur, vielleicht willst du mir im besten Fall sagen, dass du viel unterwegs warst und immer noch bist? Der miserable Zustand des Schuhs könnte diese Aussage bestätigen. Oder diese Variante: Du bist es leid, weiter zu reisen und hast nun endlich beschlossen, sesshaft zu werden? Obwohl der Absendeort Faro dafür spricht, kann ich mir diesen Entschluss nicht so recht vorstellen. Möglicherweise willst du mir aber auch ein Objekt schenken, das dich, wo immer du umhergeschweift bist, sehr eng begleitet hat? Ich gestehe, dieses poetische Szenario wäre mir bei weitem das liebste.
Wo immer auch der tiefere Grund für dein Päckchen liegen mag, jetzt steht dieser Schuh auf meinem Schreibtisch. Ich sehe, es ist ein spanisches Fabrikat, womit du wie immer Ge-schmack beweist. Die leichte flache Sommerform entspricht deiner Philosophie von Einfachheit und Pragmatismus, der helle Braunton des Leders bildet den perfekten Untergrund für die aufgesetzte türkisfarbene Schnalle. Wie riesig diese Schnalle ist! Auch die schrille Farbkom-bination bist ganz du. Wäre die Schnalle dunkelbraun, hätte dich der Schuh nicht interessiert, dessen bin ich mir sicher. Es ist diese spezielle Art von Kontrast, den du liebst und ohne den du vermutlich nicht leben könntest. Schon damals, in den Zeiten unserer gemeinsamen Streifzüge durch die Provinz, schocktest du Freund und Feind gleichermaßen mit deinen Farbattacken, was mich als Träger szenetypischer Farben (grauer Rollkragenpullover, grüner Parka, braune Boots) zuweilen in mittelschwere Sinnkrisen stürzte.
Erinnerst du dich an dieses knielange Kleid aus weißem, grob gewebten Leinen? Weder deinen besten Freundinnen noch mir wolltest du verraten, woher es stammte. Alle dachten, es sei die Angst davor, man könne deinen Stil kopieren, aber das war nicht der wahre Grund, wie sich herausstellen sollte. Ich habe dir nie erzählt, dass ich dieses Kleid einige Zeit später zufällig im Schaufenster einer Berliner Nobelmanufaktur sah. Beim Blick auf das Preisschild wurde mir klar, dass du die Ersparnisse eines ganzen Jahres dafür hergegeben haben musstest.
Keine Ahnung, welchem Romantik-Ideal ich damals anhing, ich weiß nur noch, dass ich dich in diesem Kleid liebte, weil du darin meinem Bild eines Engels perfekt entsprachst. Du spürtest das intuitiv und bewegtest dich, sobald du das Kleid trugst, noch ein bisschen langsamer und schwebender durch den Raum. Diese spezifische physische Langsamkeit, die diener angeborenen Gelassenheit entsprach, faszinierte mich so stark, dass ich dich zuhause vorm Spiegel kopierte und in deine Bewegungen schlüpfte. Ich drehte meinen Kopf wie du, wenn man dich unvermittelt ansprach, führte ein Glas mit der dir eigenen Zeitverzögerung zum Mund und ließ dich schließlich meine Augen steuern, die unendlich bedächtig auf den Alltagsobjekten zur Ruhe kamen.
Dieses Nachahmungsritual praktizierte ich eine ganze Weile lang, bis ich eines Tages mitten in einer „deiner“ Gesten innehielt und in lautes Lachen ausbrach. Mit einem Mal wurde mir klar, dass es mir nicht um deine Position im Raum, sondern um viel Grundlegenderes, nämlich um deine einzigartige mentale Haltung zur Welt ging, der all dein körperliches Agieren entsprang.
Was uns einte, war grenzenloser Nonkonformismus, die Abneigung gegen jede Form von Autorität, Gängelung und Richtungsweisung. Aus heutiger Sicht betrachtet, kann ich uns beiden zudem ein gewisses Sendungsbewusstsein nicht absprechen. Aber während ich heißspornig, wie ich nun mal war, gegen jede Wand rannte, die sich mir von Ferne bot, agiertest du klug und listig. Als Meisterin von Strategie und Taktik hattest du aus meiner Sicht immer alles unter Kontrolle.
Ganz gleich, ob es um Mode, Politik oder Religion ging - du gabst in den hitzigsten Diskus-sionen immer zunächst deinen Kontrahenten Recht, schmiertest ihnen ordentliche Portionen Honig ums Maul, während du heimlich bereits den Todesstoß plantest. Wer sich mit dir streiten wollte, musste Zeit mitbringen, weil dein ausladender, diskursiver Stil stets auch die Grenzbereiche eines Themas einbezog. Dein Trick war es, die Argumente auf einem hohen erzähltechnischen Niveau zu transportieren. Sobald du aber bei deinem Gegenüber die erste kleine Ermüdungserscheinung bemerktest, schlugst du gnadenlos zu. Mit einem Wort: Du warst die Subversion in Person. Du infiltriertest eine Party, indem du in der Pelzmütze deiner Großmutter kurz auftauchtest, einen Likör kipptest und gleich darauf wieder verschwunden warst. Man konnte Wetten darauf abschließen, dass es am nächsten Tag im Städtchen vor halbwüchsigen Mädchen in Pelzmützen nur so wimmeln würde.
Leider währte die Zeit des weißen Kleides nicht lange, denn quasi über Nacht tauchtest du es ins Färbebad. Weißt du noch? Heraus kam ein Orange, das die Welt, zumindest unsere kleine, bis dahin nicht gesehen hatte. Deine Entscheidung, dir dazu ein tiefblaues Seidentuch breit um die Taille zu binden, machte die Verwirrung nicht nur in deinen mode-affinen Mädchenkreisen, sondern auch in meiner eher trendfernen Szene komplett. Im Café Bitter am Markt wurde ich einmal Zeuge deines Argumentationstalents, als Gitti Böttcher, die Speerspitze der gemäßigten femininen Hippiefraktion, dir riet, bezüglich der Farbwahl deines Outfits doch besser einen Facharzt für Augenheilkunde aufzusuchen. Du bliebst ganz ruhig, nipptest kurz an deinem Kakao und setztest zu Gittis Erstaunen zu einem längeren Referat über den deutschen Expressionismus und dessen komplexem Farbverständnis an. Gitti hörte dir mit offenem Mund zu, und ich ahnte bereits, dass du über Nolde, Macke und Kandinsky die Brücke zum Blauen Reiter schlagen würdest. Und so kam es dann auch: Während ich über dein profundes Wissen staunte, machte sich in Gittis Gesicht blankes Entsetzen breit, als du den Namen Fanz Marc erwähntest. Im Gegensatz zu mir war dir bekannt, dass Gitti gerade eine Facharbeit über Marcs berühmtes erstes blaues Pferd geschrieben hatte - und ich glaube, ihr schwante nun, dass du ihren Aufsatz zu einer schnöden Bildbeschreibung degradieren würdest.
Ich sehe dich vor mir, wie du unter dem Einsatz deines ganzen Körpers Marcs psychologische Sicht auf die Farben referierst. Beim Rot, nach Marc die schwere Materie, ziehst du mit deinen Händen einen imaginären Gesteinsbrocken in die Tiefe, beim weiblich-sanften Gelb umspielt ein kurzes Lächeln dein Gesicht, bevor du das traurige Violett mit einem furchterregend gebeugten Oberkörper illustrierst. Blitzschnell bist du wieder auf dem Posten, um Gitti, die diese winzige Sprechpause während deiner Körperaktion zu einem Gegenangriff nutzen will, zuvorzukommen. Franz Marc habe nicht nur gesagt, dass sich das Blau quasi wie selbstverständlich neben das Orange stelle, er habe sogar, und zwar sei das in einem Brief an August Macke im Jahre 1910 geschehen, diesen beiden Farben eine tiefe Liebesbeziehung zugesprochen. Das saß. Gitti wusste es, ich wusste es und dir war es von vornherein klar gewesen: Das orangene Kleid und das blaue Tuch würden fortan kein Thema mehr sein.
Ich denke, heute kann ich es dir sagen, dass ich deinen damaligen Vortrag trotz seiner bestechenden Rhetorik mehr für eine Demonstration deiner spontan entwickelten Dichtkunst denn für historisch gesichtertes Faktenwissen hielt. Umso erstaunter war ich, als ich viele Jahre später in einem Buch über Farbpsychologie deine Aussagen Wort für Wort bestätigt fand.
Obwohl mit dem Gespräch im Café Bitter das Thema eigentlich durch war, sah ich dich in der Folge nur noch selten in diesem Kleid. Es schien fast so, als hättest du nach dem Durchsetzen des Rechts, es zu tragen, jegliches Interesse daran verloren.
Es ist mir nie gelungen (und du hast nicht einen Satz zu mir darüber gesprochen), heraus-zufinden, was genau dich an diesem Kleid faszinierte. War es das Gewebe, die schreiende Farbe, die geschickte Taillierung? Oder war es mehr der Selbstausdruck, das Setzen eines Zeichens sowohl für dich als auch der Welt gegenüber, gepaart mit einem, wie ich heute weiß, tiefen Wissen um die Sprache der Farben? Wie auch immer, du trugst dieses Kleid bei unserer letzten Begegnung in der Eisdiele Venezia. Allerdings hattest du das blaue Tuch nun nicht um deine Hüften gebunden, sondern es dir nach Art der südländischen Frauen breit um die Schul-tern gelegt, was seine Dominanz noch steigerte. Sobald ich mir dieses Bild in Erinnerung rufe, gesellt sich wie von selbst ein anderes Zitat des Blauen Reiters hinzu: „Blau ist konzentrierte Bewegung“. Kaum ein anderes Bild beschreibt dein Wesen so treffend und prägnant: Ganz bei dir, zogst du wie ein rätselhafter Himmelskörper deine Bahnen, blitztest hin und wieder auf, legtest Spuren und kultiviertest ansonsten das Phänomen des konstruktiven Schweigens. Jenseits von Extravaganz und Extrovertiertheit hast du deine ganz eigene Dynamik gelebt und dabei niemandem (mich eingeschlossen) verraten, wo genau du deine Bezugs- und Orientie-rungspunkte verortest.
Und wenn ich jetzt beim Schreiben deinen Schuh betrachte, ist es dasselbe Rätsel wie damals, das dich umgibt, sind es dieselben Fragen und Gedanken, die mich in dieser für uns so typischen Mischung aus Nähe und Geheimnis innehalten lassen.
Was mache ich nun mit deinem Schuh? Völlig ausgeschlossen, ihn im Schuhschrank zu depo-nieren. Schwardtmann würde über kurz oder lang vollständig verrückt werden, wenn ich seine sensiblen Augen, die ihn (und in der Folge mich) gerade morgens beim kleinsten visuellen Hindernis leicht zur Agression treiben, tagtäglich mit deinem Schuh konfrontierte. Also wird er als Briefbeschwerer wohl erstmal auf meinem Schreibtisch stehen bleiben – ich werde dir berichten, was das auf die Dauer mit mir macht.
Das Leben hier verläuft auf eine angenehme Weise gleichförmig. Obwohl ich Schwardtmann, der sich übrigens seit seinem Lottogewinn mir, der Welt und sogar sich selbst gegenüber immer weiter öffnet, nicht missen möchte, bin ich doch froh, wochentags das Haus für mich allein zu haben, um in Ruhe schreiben zu können. Je nach Stimmung flüchte ich dann mit den Manuskripten aus meinem Arbeitszimmer im ersten Stock runter in den geräumigen Wohnraum, wo der Weg zu Kaffeemaschine und Kühlschrank kurz ist und die Verandatür den Blick auf den Garten freigibt. Mir kommt es inzwischen fast wie ein klösterliches Ritual vor, eine Kerze anzuzünden und bei dampfendem Kaffee über einen Text zu kontemplieren. Dabei ist im Laufe der Jahre Liebknechts zufriedenes Schnurren zu einem festen Bestandteil dieser Stille geworden, die ich so sehr liebe.
Ein Vorteil dieses statischen Alltags besteht ohne Zweifel darin, dass ich die Fluchten, vor allem die an den Wochenenden, viel intensiver erlebe. Wie diesen denkwürdigen Freitagabend Anfang Februar, da ich mit Leni im „Chez Lisette“ saß, nachdem wir den Van-Gogh-Film mit Kirk Douglas und Anthony Quinn gesehen hatten. Rick, der das „Eden“ nach der Insolvenz übernommen und lediglich den Schriftzug durch „Casablanca“ ersetzt hatte, war auf die Idee einer Retro-Reihe gekommen und zeigt neuerdings einmal pro Woche alte US-Schinken zum Sonderpreis. Die Tickets sind im Zehnerpack noch einmal verbilligt (O-Ton Leni: „Macht unterm Strich zwei Cognacs“), und so gingen mir die Argumente aus, als Leni mich fragte, ob ich sie künftig Donnerstags nicht begleiten wolle. Kannst du dich an Rick erinnern, Marie? Eigentlich heißt er Klaus-Bernd und war lange als Schausteller über Land gezogen, bis er eines nachts betrunken eins der Karussels startete und prompt aus einer Gondel stürzte. Ohne Job und mit einem steifen Bein ausgestattet, besann er sich, als das „Eden“ zum Verkauf stand, seiner Humphrey-Bogart-Leidenschaft und feilschte so lange, bis er den Laden schließlich zu einem Spottpreis bekam.
Niemand von uns hätte ihm länger als ein halbes Jahr bis zur Insolvenz gegeben, aber Rick, der über eine nicht zu unterschätzende Bauernschläue verfügt, brachte das Kino tatsächlich wieder hoch. Seine Strategie hatte er sich bei den Bäckern abgeschaut, die mit dem Slogan „Das Beste von gestern“ ihre Altware erfolgreich absetzen. So lässt er die halbe Stadt in die großen Kino-Paläste der Nachbarorte ziehen, um die neuesten Blockbuster zu sehen – wohl wissend, dass sie sich alle in seinen leicht angegammelten 60er-Jahre-Polster wiederfinden werden, wenn er die Streifen drei Monate später zum Schnäppchenpreis zeigt. Ich habe keine Ahnung, welche Marketing-Theorie er damit aushebelt, ich weiß nur, dass sein Kalkül nun schon seit Jahren aufgeht. Spaßeshalber habe ich mir den letzten „Harry Potter“ angesehn, den Rick fünf Monate nach Erscheinen mit dem ebenso simplen wie wahren Slogan „Neu bei uns“ promotete. Was soll ich sagen? Das Kino platzte aus allen Nähten, so als fände hier gerade die exklusive Europapremiere im Beisein der Autorin statt.
Rick hat sich allmählich vom Faktotum zur Kultfigur entwickelt - ein Prozess, den er nach Kräften selbst voranbringt. Ganz seinem großen Idol Bogart verpflichtet, tritt er nur in erlesener Garderobe auf die Straße: Lackschuhe, Nadelstreifenanzug, tadellose Krawatte und edler, ins Gesicht gezogener Hut. Lediglich die obligatorische Zigarette fehlt im Mundwinkel, seit er sich das Rauchen abgewöhnte. Diesen Makel macht er mit einem stets griffbereiten, gefalteten Exemplar der „New York Times“ wett, das, wenn er es gerade nicht in Händen halten kann, für jedermann sichtbar aus der Seitentasche seines Anzugs lugt. Im Internet hat er eine Quelle gefunden, die ihn alle zwei Wochen mit einer frischen Ausgabe versorgt, so ist er auch in dieser Angelegenheit, wie bei den Blockbustern, annähernd up to date.
Zu Ricks besonderem Stil gehört es, die Kinogäste, sobald sie aus dem Bauchladen mit Eis-konfekt und Popcorn eingedeckt wurden, persönlich zu begrüßen. Das Licht geht aus, der Vorhang schließt sich dramatisch, bevor er plötzlich im Licht eines vom Filmvorführer bedienten Spots auf der Bühne sichtbar wird. Da steht er nun und wedelt mit der New York Times, die andere Hand lässig in der Hosentasche und den Hut extra tief im Gesicht. Eine typische Rick-Moderation hört sich etwa so an:
„Hallo, ihr da unten.“ (Pause)
„War ’n verdammt langer Weg.“ (Pause)
(geht ein paar Schritte)
„Wenn ihr wüsstet…“ (lange Pause)
(schaut sich um)
„Schicker Laden hier, kann man nichts sagen. Besser als in Chicago.“
„Geht’s euch gut?“ (Publikum: „Ja“)
„Wie bitte?“ (Publikum lauter : „Ja“)
„Na also.“ (Pause)
“Dann woll’n wir mal. Here’s looking at you, kids.” (Applaus)
“Viel Spaß bei “Kevin – Allein gegen alle!“ (großer Applaus, Fußstampfen)
Damit verschwindet Rick hinter dem Vorhang. Nun muss der Filmvorführer ein paar Takte aus „As Time goes by“ einspielen, bis Rick mit seinem steifen Bein die rettende Hintertür erreicht hat und der Vorhang für den Hauptfilm wieder geöffnet werden kann.
Ricks Minimalismus ist an Authentizität kaum zu überbieten, was weniger mit seinem Schau-spieltalent als vielmehr mit den Rummelplätzen zu tun hat, auf denen man seine Sprache, seine Mimik und seine Gestik gründlich domestizierte. Das freilich wissen die Zuschauer nicht, sie feiern ihn wie einen Popstar, und es geht bereits das Gerücht, immer mehr Besucher kämen sogar aus dem Umland, um Rick zu erleben.
Da saß ich nun mit Leni im „Chez Lisette“. Immer mehr späte Gäste drängten nun an die rus-tikale Theke, während sich zwischen uns im Nachgang des eben gesehenen Films ein Ge-spräch über van Gogh, die Rolle seines Bruders und die seines Arztes Gachet entspann. Wir hatten uns wie immer für einen ruhigen Tisch im hinteren Teil des Raums entschieden, Kaffee mit Cognac bestellt und lauschten nun unseren Stimmen, die sanft und gedämpft im Abend angekommen waren.
„Weißt du“, sagte Leni, „ich glaube nicht, dass van Gogh verrückt war – vielleicht war er ein bisschen durch den Wind.“
„Ein bisschen durch den Wind nennst du das? Er hat sich das Ohr abgeschnitten, sowas macht man nicht mal eben zwischen Hauptgang und Dessert.“
„Es ist längst nicht erwiesen, ob es eine Selbstverstümmelung war. Könnte auch Gauguin gewesen sein.“
„Davon hab ich gehört“, sagte ich. „Aber du stimmst mir doch zu, dass da irgendwas aus den Fugen geraten war?“
Leni griff nach ihrer Zigarettenschachtel, die sie hochkant zwischen Kaffeetasse und Cognac-Schwenker aufgebaut hatte. „Okay, Cowboy, bei uns allen gerät statistisch gesehen mal was aus den Fugen. Ist man deshalb gleich geisteskrank? Mag sein, dass er es mit einer gepflegten Depression zu tun hatte und auch ansonsten ein bisschen absonderlich war – aber mal ehrlich: ihr Künstler seid doch alle ein bisschen schräge.“
„Schräge?“ gab ich zurück. “Ich doch nicht.“
„Siehst du“, sagte sie und lachte kurz auf. „Du merkst es nichtmal. Van Gogh hat von seinen Ölfarben genascht und bei dir bekommt man nichts zu essen, wenn man zum Tee eingeladen ist. Der Unterschied im Schrägheitsgrad erscheint mir sehr marginal.“
Ich hätte es mir denken können, dass Leni diese schon viele Jahre zurückliegende Begebenheit früher oder später aufwärmen würde. „Wo ist das Problem?“ fragte ich. „Wir waren zum Tee verabredet und du konfrontiertest mich gleich im dritten Satz mit einem Mangel: deinem Hunger. Wenn ich zum Tee verabredet bin, esse ich entweder vorher oder nachher – oder ich verabrede mich schon im Vorfeld besser gleich zum Essen, dann kann ich sicher sein, dass der Gastgeber Entsprechendes bereit hält. Und den Tee gibt’s nachher noch dazu.“
„Ich sag’s doch“, feixte sie zurück. „Eine völlig schräge und verquere Haltung. Wie soll man es sonst nennen: übertriebene Pedanterie, hohle Prinzipienreiterei? Zumindest erfüllt es den Tatbestand fortgeschrittenen Eigensinns, das kannst du nicht abstreiten. Dabei wäre ich mit einer Tasse Bouillon und einem Stück Brot vollständig glücklich gewesen.“
„Pah – Bouillon und Brot!“ brummte ich. „Gegessen wird mit Stil und nach Ansage. Wir sind schließlich nicht im Hause van Gogh.“
„Im Hause van Gogh hätte ich sicher warme Kartoffeln bekommen!“
„Dann hättest du aber auch mit diesen gruseligen Gestalten am Tisch sitzen müssen.“
„So gruselig sind die Kartoffelesser gar nicht“, sagte sie. „Ich hab mir das Gemälde aus der Nähe angeschaut. Es sind halt Bauern nach ’nem langen Arbeitstag.“
„Du hast echte van Goghs gesehen?“
„Ja, in Otterlo bei Arnheim. Bin sogar mehrmals hingefahren, um zu erkunden, ob es Anzeichen von Wahnsinn in den Bildern gibt.“
„Und? Hast du was finden können?“
„Nicht die Spur“, sagte sie. „Hab selten was Gesünderes und Schöneres gesehen. Van Gogh hatte diese besondere Verbindung zwischen Auge und Herz. Sicher war er extrem, und ich gebe zu, der Grat zwischen Wahn und Vision ist manchmal schmal. Aber man sucht sich die Steine eben nicht aus, wenn man neue Wege gehen will oder gehen muss. Verglichen mit ihm lebten die meisten Impressionisten wohl entspannt.“
„Apropos Impressionisten“, nahm ich das Sichwort auf. „In Bielefeld werden die deutschen Impressionisten gezeigt. Es sind ne Menge guter Nobodys dabei.“
Leni zündete nun die Zigarette an, die sie seit dem Beginn des Gesprächs in der Hand gehalten hatte. „Ja, ich las darüber in du rätst nicht welcher Zeitung. Eigentlich will ich dich seit Wochen fragen, ob du mich begleiten magst. Ein Trip nach Bielefeld könnte lustig werden.“
Liebe Marie, hier muss ich abbrechen, gerade ging das Telefon. Schwardtmann bittet mich, den Zustand seines schwarzen Rollkragenpullovers zu prüfen, weil er (man fasst es nicht!), heute Abend seinen ersten öffentlichen Auftritt als Dichter bestreiten will. Schwardtmann, nach eigenem Bekunden „einer der letzten Misanthropen auf Gottes schöner Erde“, hat sich doch tatsächlich zu einem Poetry Slam angemeldet! Mein Gefühl sagt mir, dass dieses Vorhaben in einem Fiasko enden wird, und auch seine neueste Idee, dort im endzeitschwarzen Existentialisten-Outfit aufzutreten, wird daran nichts ändern.
Ich werde dir im nächsten Brief ausführlich über alle Peinlichkeiten berichten, sofern ich nicht bereits ob all der Scham das Land verlassen habe, um als schreibender Nomade in deinen Fußstapfen zu wandeln…
Sei gut zu dir!
*Dirk*
Weiterführende Links:
Van Goghs „Kartoffelesser“ im Kröller-Müller Museum, Otterlo (NL)
Lesen Sie auch:
Schwardtmanns Poesie-Rezepte http://blog.mioch.net/?cat=35
Download aktueller Brief an Marie vom 01.03.2010 als pdf-Datei: Dirk Schulte - Brief an Marie -01.03.2010
Download früherer Briefe an Marie als pdf-Datei: Dirk Schulte - Brief an Marie - 27.07.2009
Download früherer Briefe an Marie als pdf-Datei: Dirk Schulte - Brief an Marie - 13.09.2009
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© Dirk Schulte, 2010 Nachdruck, auch auszugsweise, gerne, aber nur nach vorheriger
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Kontakt: briefe-an-marie@dirk-schulte.net
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