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Archive für 27.7.2010

Schwardtmanns Poesie-Rezept 2

Schwardtmanns Poesie-Rezepte

SCHWARDTMANNS POESIE-REZEPTE
weitergereicht von Dirk Schulte

Melanzani-Ingwer-Curry mit Minzjoghurt
Poesie-Dessert: „Hans der Schwärmer“ von Detlev von Liliencron

Dieses Gericht gehört zu den Kreationen, die Schwardtmann mit einem „Das könnte ich von morgens bis abends essen“ geadelt hat. Im Rahmen unserer kulinarischen Millenniumsfeierlichkeiten, die sich vom September 1999 bis weit ins Frühjahr des neuen Jahrtausends erstreckten, waren wir auf der Suche nach leichter, aber markant schmeckender Kost, die sich zudem schnell zubereiten lassen sollte. Nach einigen mäßig erfolgreichen Versuchsreihen mit Zucchini (Schwardtmann: „Schmeckt irgendwie immer noch nach nichts“) blieben wir schließlich bei der Aubergine hängen, die Schwardtmann aus unerfindlichen Gründen bis heute bei ihrem österreichischen Namen „Melanzani“ nennt.

Es war ein Samstagmittag im Frühjahr 2000, als ich neun oder zehn violette, beim türkischen Gemüsehändler gekaufte Auberginen in die Küche trug und sie im Halbkreis auf der geräumigen Anrichte ausbreitete. Immer wieder hatten wir in der Vergangenheit schon die Aubergine auf dem Speiseplan, allerdings mehr als Anhängsel von Tomate oder Zucchini denn als Zentralobjekt kulinarischer Begierde. Nun standen wir staunend und fast ein wenig ratlos vor dieser tiefdunklen Pracht. Schwardtmann nahm eins der Nachtschattengewächse in die Hand. „Schau dir diese reine Haut an, einfach makellos. Wie ein Fetisch aus einer anderen Welt.“  Mit einem „Moment, bin gleich zurück“ verschwand er in sein Arbeitszimmer, während ich im Kochbuch-Regal zu stöbern begann.

Als er nach einer Weile zurückkam mit diesem speziellen wissenden Blick, war mir gleich klar, dass er heimlich das Internet befragt hatte. Er könne es sich selbst nicht erklären, wieso er dieses ganz außerordentliche Gewächs bislang so stiefväterlich behandelt habe, brach es aus ihm heraus. Ob mir eigentlich klar sei, dass der Mensch die Melanzani ohne Gefahr für Leib und Leben quasi ständig essen könne. Mit ihrem über 80-prozentigen  Wasseranteil könne man sie nachgerade trinken, wann immer einem danach sei. Ihre Kalorien seien kaum noch errechenbar, dafür seien die Anteile an verwertbaren Kohlehydraten und Ballaststoffen umso höher.

Und erst die Vitamine, die Vitamine! Da renne alle Welt in die Apotheken und kaufe dieses Pulverzeugs, dabei läge die wahre, echte und nackte Offenbarung doch sozusagen vor der Türe. Ob ich, und bei diesen Worten senkte er seine Stimme, mir eigentlich jemals Gedanken darüber gemacht hätte, dass die Wartezimmer der Ärzte prall gefüllt seien mit Zeitgenossen, deren Eiweißstoffwechsel nachhaltig gestört sei. Abertausend Leidende, genaue Zahlen lägen ihm leider nicht vor, hielten die Ärzte von der Arbeit ab, weil ihnen das Provitamin B6 fehle, das sie doch so bequem und quasi zum Schnäppchenpreis aus der Melanzani beziehen könnten. Vom Vitamin-C- und Provitamin-A-Anteil wolle er nun gar nicht erst reden, wir hätten schließlich eine kulinarische Mission zu erfüllen, und was ihn betreffe, sei er hochmotiviert.

Er, Schwardtmann, kenne niemanden, der sich der Beuyschen These von der Energiegewinnung durch Kraftvergeudung verbundener als er selbst fühle, aber alle Kraftvergeudung sei zum Teufel, wenn man nicht an das energieumwandelnde Phosphor denke – und an Phosphor dächte er nun gerade, weil die Melanzani, das sei eine unumstößliche Tatsache, eine Menge davon besäße.

Während seines Monologs, der es locker mit denen der großen europäischen Dramatiker aufnehmen konnte, hatte ich die eigentlich fürs Essen bereitgestellte Flasche Silvaner entkorkt und uns eingeschenkt. Nach zwei Gläsern und einem Schwall weiterer Lobpreisungen Schwardtmanns an die Aubergine machten wir uns ans Werk.

Drei Stunden und eine weitere Flasche Silvaner später saßen wir essend am Küchentisch,
hochzufrieden mit dem Ergebnis, das nicht zuletzt auf Schwardtmanns großer Würzkunst beruhte. Als Beilage zum „Melanzani-Ingwer-Curry mit Minzjoghurt“ wählten wir  einen guten Basmati-Reis, in den darauffolgenden Wochen stellten wir aber fest, dass auch Kartoffeln oder frisches Weißbrot sehr gut dazu schmecken.

Zutaten für 4 Personen

4 - 5 große violette Auberginen
8 - 10 Tomaten
3 - 4 kleine Thai-Chilis
4 EL frischer Ingwer
4 Knoblauchzehen
4 Zwiebeln
2 Stangen Zimt
1 TL Honig
1 gestr. TL Kurkuma (gemahlen)
1/4  TL Kreuzkümmel (gemahlen)
1 gestr. TL Koriander (gemahlen)
400 ml Gemüsebrühe
100 ml Kokosmilch
500 g Natur-Joghurt
6 Stiele Minze
Sonnenblumenöl
Olivenöl
grüner Pfeffer (frisch gemahlen)
3 TL Weißwein (Silvaner)

Die Auberginen der Länge nach halbieren. Die Schnittflächen leicht salzen und 15 Minuten ziehen lassen. Danach mit einem Küchenpapier trockentupfen.

Die Tomaten häuten (dazu kurz in kochendes Wasser tauchen, dann unter kaltem Wasser abschrecken), vierteln und das Fruchtfleisch zerstampfen. Die Zwiebeln in etwa 1/2 cm kleine  Würfel schneiden. Knoblauch, Ingwer und Thai-Chilis fein hacken.

In einer Pfanne 3 EL Sonnenblumenöl erhitzen. Die Auberginen mit den Schnittflächen etwa 2 Minuten braten, wenden und eine weitere halbe Minute braten. Dann herausnehmen und jedes Auberginenstück in drei etwa gleichgroße Teile schneiden.

Knoblauch und Zwiebeln andünsten, die Tomaten sowie Ingwer, Chili, Kurkuma, Kreuzkümmel und Koriander hinzufügen und 2 - 3 Minuten unter Rühren weiter braten.

Die heiße Gemüsebrühe langsam hinzufügen und zum Köcheln bringen. Die Kokosmilch, die Zimtstangen, den Honig und einige Spritzer Silvaner hinzufügen. Salzen und pfeffern, dann  die Auberginenstücke hineinlegen und bei kleiner bis mittlerer Hitze zugedeckt noch etwa 20 Minuten köcheln.

Die fein gehackten Minze-Blätter unter den kühlschrankkalten Joghurt heben, Salz, Pfeffer und einen Spritzer Olivenöl hinzufügen.

Die Auberginenstücke auf einer Platte anrichten. Die Sauce über die Auberginen gießen (Zimstangen entfernen). Mit dem Minz-Joghurt servieren. Beilage: Kartoffeln, Reis oder Brot

Poesie-Desert: „Hans der Schwärmer“ von Detlev von Liliencron

Hans der Schwärmer

Hans Töffel liebt Schön Doris sehr,
Schön Doris Hans Töffel vielleicht noch mehr.
Doch seine Liebe, ich weiß nicht wie,
Ist zu scheu, zu schüchtern, zu viel Elegie.
Im Kreise liest er Gedichte vor,
Schön Doris steht unten am Gartentor:
Ach, käm’ er doch frisch zu mir hergesprungen,
Wie wollt’ ich ihn herzen, den lieben Jungen.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Am andern Abend, der blöde Tor,
Hans Töffel trägt wieder Gedichte vor,
Was Schön Doris wirklich sehr verdrießt,
Da er immer weiter und weiter liest.
Sie schleicht sich hinaus, er gewahrt es nicht;
Just sagt er von Heine ein herrlich Gedicht.
Schön Doris steht unten in Rosendüften
Und hätte so gern seinen Arm um die Hüften.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Am andern Abend ist großes Fest,
Viel Menschen sind eng aneinandergepreßt.
Heut muß er’s doch endlich sehn, der Poet,
Wenn Schön Doris sacht aus der Türe geht.
Der Junker Hans Jürgen, der merkt es gleich;
Die Linden duften, die Nacht ist so weich.
Und unten im stillen, dunklen Garten
Braucht heute Schön Doris nicht lange zu warten.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Detlev von Liliencron, fotografiert 1905 von dem Hamburger Portraitfotografen Rudolf Dührkoop   Detlev von Liliencron, fotografiert 1905 von dem Hamburger Portraitfotografen Rudolf Dührkoop.

Detlev von Liliencron

Geboren als Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron am 3. Juni 1844 in Kiel,
gestorben am 22. Juli 1909 in Alt-Rahlstedt, heute Hamburg.

Während einer seiner öffentlichen Lesetouren, die ihn durch Deutschland und Österreich bis zum Balkan führten, kündigte Liliencron sich einmal folgendermaßen an: “Und nun tritt Ihnen ein kleiner untersetzter Mensch entgegen, mit dicken Burgunderbacken und einem Bierbrauer-Rittmeister- und Gutsbesitzergesicht. Es ist geradezu mein Stolz, dass ich immer für einen Fettwarenhändler gehalten werde. Entsetzlich wär’s für mich, sähe ich aus wie ein Dichter.“
Der Sohn eines Zollverwalters und einer Generalstochter wurde 1863 Offizier in Mainz, musste wegen hoher Verschuldung den Militärdienst aber 1875 aufgeben. Im selben Jahr emigrierte er nach Amerika, wo er sich u. a. als Klavier- und Sprachlehrer über Wasser hielt. Bereits 1877 nach Deutschland zurückgekehrt, fand er eine Anstellung in der preußischen Verwaltung. Die 1877 geschlossene Ehe mit Helene von Bodenhausen scheiterte bereits ein Jahr nach der Heirat und wurde 1885 geschieden.

1882 arbeitete er als Hardesvogt auf der nordfriesischen Insel Pellworm, wo auch eins seiner  bekanntesten Gedichte, „Trutz, blanke Hans“, entstand. Zum Hauptmann der Reserve ernannt, wurde er 1883 Kirchspielvogt im holsteinischen Kellinghusen.
1885, als infolge der Verschuldung seine Dienstbezüge gepfändet wurden, musste Liliencron aus dem Staatsdienst ausscheiden.

Seit 1885 lebte Liliencron als freier Lyriker, Dramatiker und Romancier u. a. in München, seit 1891 in Altona (heute Hamburg). Hier wurde auch seine 1887 geschlossene zweite Ehe mit
der Gastwirtstochter Augusta Brand geschieden.

Liliencrons prekäre finanzielle Situation zwang ihn in der Folge zu Lesereisen und Kabarett-Auftragsarbeiten, bis Kaiser Wilhelm II ihm 1901 schließlich ein jährliches ’Ehrengehalt’ von 2000 Mark zusicherte. Mit seiner dritten Frau, der Bauerntochter Anna Micheel, die er 1899 geheiratet hatte, ließ sich Liliencron in Alt-Rahlstedt (heute Hamburg) nieder, wo er am 22. Juli 1909 verstarb.

Liliencrons Werk widersetzt sich eindeutigen epochenbezogenen Zuordnungen. Es finden sich Bezüge zu Romantik und Naturalismus ebenso wie Elemente von Impressionismus und Expressionismus. Liliencron inspirierte unter anderem den jungen Rainer Maria Rilke und auch Hugo von Hofmannsthal. Mit Richard Dehmel, einem der größten Dichter seiner Zeit,  verband ihn eine lebenslange Freundschaft.

Weiterführende Links:

Detlev von Liliencron – Biografie

Detlev von Liliencron: „Trutz, blanke Hans

Detlev von Liliencron – “Werke im „Projekt Gutenberg

Download als pdf-Datei: Dirk Schulte - Schwardtmanns Poesie-Rezept Nr. 2

Download als pdf-Datei: Schwardtmanns Poesie-Rezept Nr. 1 und 2

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