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Schwardtmanns Poesie-Rezept 1

Schwardtmanns Poesie-Rezepte

SCHWARDTMANNS POESIE-REZEPTE
weitergereicht von Dirk Schulte

Kartoffel-Speck-Püree mit Möhrenwolke und Landsalat
Poesie-Dessert: „Seele der Liebenden“ von Francisca Stoecklin

Für ein schmackhaftes Kartoffelgericht würde Schwardtmann ohne zu zögern eine Tagesreise durch die Innere Mongolei antreten. Nach langjährigen Versuchsreihen halte er, so Schwardtmann, die Kartoffel im Vergleich zum Bilsenkraut, zur Tollkirsche oder zum Stechapfel doch für das weitaus bekömmlichste aller Nachtschattengewächse.

Mit den Jahren wurde aus seiner Liebe zur Kartoffel allmählich eine Obsession: alle paar Monate nötigt er mich, seinen alten Subaru zu besteigen, um mit ihm eine abgelegene Kartoffelfarm aufzusuchen, wo zu Bio-Managern mutierte Ex-Hippies ihren extremen Erdapfel-Leidenschaften fröhnen. Von „Ackergold“ bis zur „Vitelotte“, von der süßen über die violette bis hin zur roten Kartoffel ist hier alles zu bekommen, wonach Herz und Gaumen des eingefleischten Kartoffelfreaks verlangen.

Schwardtmann, der sich zwischen den Unmengen verschiedener Knollen zum Quietschen wohl fühlt, liebt es, das Personal in aberwitzige Fachgespräche zu verwickeln. Da geht es um Lagereigenschaften für den Katastrophenfall, um die Trockenresistenz der Knollen in Lehmbauten und um Frischemerkmale beim Langzeittransport, da wird über die Rückkehr der „Linda“ und die Schönheit der „Laura“ schwadroniert. Dabei bezieht Schwardtmann, der ein durchaus höflicher Zeitgenosse sein kann, mich immer mal wieder ins Gespräch ein: „Spür doch mal, wie gut die Desiree in der Hand liegt“, oder „Schau dir die Oberfläche dieser Nicola an – ich finde, wir sollten davon mal eine größere Menge einkellern, was meinst du?“

Auch wenn ich mich zwischendurch frage, was einen Menschen zu solch einer Kartoffel-Leidenschaft treibt, profitiere ich doch erheblich davon. Wie sonst hätte ich zwischen mehligen und festkochenden Sorten unterscheiden gelernt oder jemals die besondere Qualität einer Salatkartoffel schätzen können?
Jedenfalls sind wir für gewöhnlich auf der Rückfahrt von der Kartoffelfarm derart schwer beladen, dass der Auspuff des kleinen Subarus nicht selten den Asphalt berührt.

Das vorliegende Rezept kreierte Schwardtmann während seiner letzten Zen-Buddhismus-Phase. Er hatte gerade Daisetz T. Suzukis „Die große Befreiung“ gelesen und war bemüht, seinen Alltag konsequent zu vereinfachen. Alle Bereiche des täglichen Lebens, so auch die Küche, kamen auf den Prüfstand. Seinem neuen Credo „Im Grunde meines Herzens bin ich ein Landmann“ folgend, entwarf Schwardtmann eine Reihe einfachster Gerichte, die mich schnell und nachhaltig überzeugten.

Das „Kartoffel-Speck-Püree mit Möhrenwolke und Landsalat“ besitzt eine poetische Leichtigkeit und ist überdies schnell zu bereiten. Dem dominierenden Püree steht die sanfte und liebliche Möhrenwolke gegenüber – dazwischen der einfache und nahezu ungewürzte Salat.

Weiterführender Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Kartoffelsorte

Zutaten für 2 Personen:

-  500 g Kartoffeln (mehlig kochend)
-  200 g mageren Speck
-  4 mittelgroße Zwiebeln
-  8 mittelgroße Möhren
- 1 Kopfsalat
-  8 - 10 EL Natur-Joghurt
-  3 - 5 EL Orangensaft
-  4 Knoblauchzehen
-  ca. 120 ml warme Milch
-  frisch geriebene Muskatnuss
-  ½  Bund Basilikum
-  3 EL Pinienkerne
-  1 TL Honig
-  1 EL Zitronensaft
-  Olivenöl
-  Salz
-  weißer Pfeffer

Die Kartoffeln fein würfeln und in Salzwasser gar kochen.

Die in dünne Ringe geschnittenen Zwiebeln und den fein gewürfelten Speck zusammen mit dem fein geschnittenen Basilikum in einer Pfanne mit Olivenöl anbraten. Salzen, pfeffern und in den letzten 3 Minuten die Pinienkerne hinzugeben.

Die Möhren so fein wie möglich reiben, gepressten Knoblauch, den Orangensaft sowie eine Prise Salz und Pfeffer hinzugeben. Zuerst den Joghurt und dann den Honig mit dem Schneebesen unterrühren.

Das Kartoffelkochwasser vollständig abgießen und die Kartoffeln stampfen (keinen Pürierstab verwenden!). Die Milch mit dem Schneebesen langsam einrühren. Mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss abschmecken, zuletzt den Inhalt der Zwiebel-Speck-Pfanne unter das Püree heben.

Den Kopfsalat waschen, abtropfen lassen und in großzügige Stücke zerreißen. Weder salzen noch pfeffern, lediglich den Zitronensaft mit 1 EL Olivenöl vermengen und über den Salat träufeln.

Poesie-Dessert: „Seele der Liebenden“ von Francisca Stoecklin

Seele der Liebenden

Einmal schon liebte ich dich
Und das Meer, das Meer.
Doch lichter waren damals
Die Seelen, ungetrübt
Von dunklen Taten.
Es sangen unsere Liebe
Strahlend die Sterne,
Und das Meer, das Meer.
Wieviel hundert Jahre
Sind seitdem vergangen,
Wieviel Leiden und Tode
Und Sterne. Wo blieben
Die Seelen so lange?
Wir halten uns schweigend
Die schauernden Hände.
Wir blicken uns tief
In die fragenden Augen.
Noch singen die Sterne
Und das Meer, das Meer.
Aber unfaßbar ewig
Ist die Vergangenheit
Der menschlichen Seele.

Francisca Stoecklin

Francisca Stoecklin

Geboren am 11. 9. 1894 in Basel, gestorben am 1. 9. 1931 in Basel.

Tochter des Kaufmanns Johann Niklaus Stoecklin (1859-1923) und seiner Frau Genovefa Fanny Stoecklin-Müller (1859-1939). Einer von Franciscas Brüdern war der bekannte Maler und Graphiker Niklaus Stoecklin (1896-1982). Schon früh wollte sie der kleinbürgerlichen Enge des Elternhauses entfliehen; sie strebte ein Leben als Künstlerin an.

Nach dem Besuch der Allgemeinen Gewerbeschule in Basel machte sie sich bereits 1913 selbständig und begann ein bohèmehaftes Leben.
1914 reiste sie mit ihrem Bruder Niklaus und ihrer Freundin Gertrud Burckhardt nach München. Dort lernte sie u. a. Karl Wolfskehl, Johannes R. Becher, Hugo Ball und Emmy Hennings kennen. Bei Kriegsausbruch Rückkehr in die Schweiz. 1920 heiratete sie Harry Betz, einen Buchhandelsgehilfen aus Zürich. Trotz finanzieller Schwierigkeiten unternahm das Paar häufig Reisen, u. a. nach Berlin, München, Paris und Italien. 1928 Scheidung von ihrem Mann. Schon längere Zeit schwer herzleidend, starb sie nach einjährigem Aufenthalt im Clara-Spital in Basel.
Francisca Stoecklin veröffentlichte zwei Gedichtbände (Gedichte, Bern 1920; Die singende Muschel, Zürich 1925), sowie Novellen und Prosadichtungen. Daneben war sie auch als Malerin und Lithographin tätig und präsentierte ihr bildnerisches Werk auf Ausstellungen.

aus: Beatrice Mall-Grob: »Der doppelte Klang«. Gedanken zu Leben und Werk Francisca Stoecklins. In: Francisca Stoecklin: Lyrik und Prosa, hrsg. v. Beatrice Mall-Grob. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt, 1994. S. 195-211.

Weiterführender Link: http://www.wortblume.de/dichterinnen/stoeck_i.htm

Download Schwardtmanns Poesie-Rezept Nr. 01 vom 11.01.2010 als pdf-Datei: Schwardtmanns Poesie-Rezept Nr. 01

Zu den Briefen an Marie: Briefe an Marie

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